Briefwechsel Tobias Mayer
| Kurzinformation zum Brief | Zum Original |
| Verfasser | Eichholz, Friedrich Wilhelm (1720–1800)[1] |
| Empfänger | Mayer, Tobias (1723–1762) |
| Ort | Halberstadt |
| Datum | 6. Juni 1761 |
| Signatur | SUB Göttingen: Cod. Ms. T. Mayer 15.2, Bl. 4r–5r |
| Transkription | Hans Gaab, Fürth |
| Anmerkung | Mit nur sehr geringfügigen Abweichungen erschien dieser Text auch im Druck, allerdings ohne die Abbildung.
|
Halberstadt, den 6ten Junius, 1761
Da der heutige Tat die Aufmerksamkeit so vieler Liebhaber der Sternkunde rege macht: So hat man auch hier Gelegenheit gefunden, an dieser seltenen Erscheinung mit Vergnügen theil zu nehmen.
Der vorhergehende Abend benahm uns fast die Hofnung eines glücklichen Erfolges, indem der Mond gantz blutroth schien, und in einer neblichten Luft unterging. Während der Nacht hörte man von ferne donnern; und dieses Gewitter führte des Morgends eine Reihe Wolken aus Nordwest herbey, welche durchsichtig waren, und schnell durch die untere Luft strichen. Über denselben erblickte man einen andern Wolkenzug von Mitternacht gegen Mittag. Die Sonne ging eben so dunkelroth auf, wie der Mond untergegangen war; sie erschien ohne Strahlen, und man konte sie, auf dem Gesichtskreise, mit bloßen Augen ansehen.
In dieser Gestalt betrachtete man sie eine halbe Stunde, in einem verfinsterten Zimmer, durch ein dreÿschuh langes Seherohr, mit 4 Gläsern. Man stellte das objectivglas deßselben zum Fenster hinaus, und ließ das Bild der Sonne, auf eine, mit weißen Papier überzogene Tafel fallen.
Die Sonne stellte eine helle Kugelscheibe vor, deren Durchmeßer vier ordentliche Werkzoll hielt; Alles aber bildete sich verkehrt ab. Kaum war das Fernglas aufgestellet, als man auch die Venus auf der Sonnenscheibe, in der Größe einer Linse, aufs deutlichste gewahr ward. Ihr Umkreiß war von da rund um sie her strahlenden Sonnenstrahlen, gantz helle; der innere Kern aber war dunkelroth und schwärtzlich anzusehen.
Wir sind weder gemeÿnet, noch eigentlich im Stande, uns in irgend einige weitern Mutmaßungen und Urteile hierüber, noch weniger in Astronomische Berechnungen, einzulßen. Man läßt es beÿ der vergnügten Genugthuung bewenden, diese große und seltene Begebenheit auch hiesiges Orts genau betrachtet zu haben. Sowohl die Anstalten hiezu, als auch die copeÿlich hierbeÿ gehende Zeichnungen, sind von einem hiesigen sehr geschickten Meßkünstler gemacht; und die gegenwärtige bloß historische Beschreibung,ist mit zuverläßer Treue entworfen. Vielleicht wird hierdurch entweder dem Publico, oder doch einigen geübten Sternkundigen, Gelegenheit gegeben, beÿ den mannigfaltigen, deiser Sache halbe, vorläufig an so vielen Orten, vorgekehrten weitläuftigen Anstalten, auch von diesem Halberstadtische Anblicke, einigen Gebrauch zu machen, und deßen Richtigkeit, und Übereinstimmung, oder aber deßen Fehler, und Abweichungen zu bemerken. Es mag inzwischen wohl seÿn, daß die verbemeldte schwartzrötlichte Farbe, theils von denen, um den Planeten zusammen
[Bl. 4v]
und in der Luft gebrochenen Sonnenstrahlen, teils aber von
dem Glentze der Fixsterne, und anderer Planeten hergerührt,
unter welchen letztern unsere Erde der Venus, wahrscheinlicher
weise, mehr Licht verschaft, als andere Planeten, weil
sie ihr näher ist, als jenen, und fast einerleÿ Größe mit derselben
haben soll.
Wenn man den Durchmeßer dieses Sonnenbildes in 12 Theile, theilet, so war Venus beÿn Aufgang der Sonne schon 1½ solcher theile oben in der Sonnenscheibe, linker Hand, Nordwärts, eingerückt. Um 5 Uhr war sie 2½ Theile weiter fortgegangen, Ihr Lauf war bis hieher, mit dem Durchmeßer der Sonne noch ziemlich parallel geblieben. Aber nach 5 Uhr wandte sie sich, südwärts und man merckte, daß ihre Laufbahn einen Circkelbogen bilden würde. Daß Mittel der Erscheinung, um 6 Uhr, bestättiget solches immer mehr, und traf mit der Berlinischen Ausrechnung völlig überein, Um 7 Uhr näherte sich Venus allmählig dem Ausgange aus der Sonne. Man merckte bereits daß derselbe nicht weit von dem Durchmeßer derselben geschehen würde, Hier hinderten die Wolken, welche die Sonne kaum einige Augenblicke unbedekt ließen, die fernere Wahrnehmung, auf zweÿ Stunden lang. Doch eben wie man den Ausgang dieser seltenen Begebenheit, mit Verlangen zu sehen wünschte, da erheitete sich der Himmel auf einmahl; Gerade um 9 Uhr stand Venus am Rande der Sonne, nicht weit von dem horizontalen Durchmeßer derselben; und wie sie anfing sich mit dem Sonnenrand zu vereinigen, da warf sie von ihrem Umrkeise, einen silberfarbenen Schein in den Sonnenrand, bis sie 17 Minuten nach 9 Uhr völlig aus der Sonne verschwand.
Übriens, wurd durch diese gantze Erscheinung fürnehmlich die genaue Richtigkeit der Berliner Berechnung bewähret, und gerechtfertiget.
[Bl. 5r]

Fußnoten
- ↑ Friedrich Wilhelm Eichholz (18.02.1720–15.05.1780) arbeitete als Jurist in der Verwaltung von Halberstadt. Er wurde als Dichter bekannt, verfasste aber auch heimatkundliche Artikel.
