Briefwechsel Tobias Mayer
| Kurzinformation zum Brief | Zum Original | ||||
| Verfasser | Mayer, Tobias (1723–1762) | ||||
| Empfänger | Euler, Leonhard (1707–1783) | ||||
| Ort | Göttingen | ||||
| Datum | 25. November 1753 | ||||
| Signatur |
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| Transkription | Hans Gaab, Fürth [Entwurf]. Zur Reinschrift siehe
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| Hinweis | Die kursiv gesetzten Teile finden sich nicht im Entwurf und wurden der angeführten Literatur entnommen. Formulierungsvarianten, die nichts zum Textverständnis beitragen, wurden nicht angemerkt. Textteile, die aus dem Entwurf nicht übernommen wurden, stehen in runden Klammern (). Textvarianten, die sich in der Reinschrift finden, sind mit kleinen römischen Buchstaben in hochgestellten runden Klammern markiert und unten nach den Fußnoten aufgelistet. | ||||
| Übersetzung | Englische Übersetzung von Forbes. |
| Voriger Brief an Euler | Nächster Brief von Euler |
Wohlgebohrner Herr,
HochzuEhrender Herr Professor.
Die Gründe womit Ew. Wohlgebl. die Resistentiam aetheris unterstützet haben, sind allerdings
so wichtig, daß die geringen Zweifel, die ich dagegen geheget habe, nun gänzlich
wegfallen.[1] So viel aber ist gewiß(i) daß die Wirkung
dieser Resistenz bey der Bewegung der Erde entweder sehr gering sey, oder durch die Attraction
der andern Planeten aufgehoben werde.
In der Verfertigung der Tabb. Solarium, welche meinen Tabb. lunaribus beygefüget sind, habe ich bereits dasjenige gethan, was Ew. Wohlgebl. (von mir) verlangen. Ich habe nemlich zu erst, ohne auf die uhralten Observationes zu reflectiren, die Quantitatem anni tropici aus den ganz neuen Obs. insonderheit denen welche in des Hl. Le Monnier historie celéste[2] in den Jahren 1683–85, aufgezeichnet stehen, determinirt, indem ich sie mit denjenigen verglich, welche erst vor einigen Jahren in Paris sind gemacht worden. Dabey habe ich auf die Ungleichheiten (in der Praecessione aequinoctiorum), welche von der Nutation der Erdaxe entstehet, mit acht gehabt, deren Einfluß in einer solchen Bestimmung ziemlich merklich ist. Bloß auf diese Observationen gründet sich die Größe des Jahrs, welche ich in den Tabellen angenommen habe. Ich gieng hernach zurücke auf die observationen des Walthers, welche zu Ende des 15 saeculi zu Nürnberg sind gemacht worden. Weil man nicht eigentlich weiß, an welchem Orte dieser Stadt diese observationen angestellet sind,[3] und also die Elevatio poli um einige secunden ungewiß ist,(ii) so bediente ich mich einer Methode, wobey nicht nöthig ist, die eigentliche Elevation zu wissen. Aus diesen Observationen fand ich die Größe des Jahrs wieder ebens so groß als vorhin, wenigstens waren die Unterschiede nicht so beträchtlich daß man sie einer accelaration in dem Motu terrae zuschreiben könnte, umso mehr, da dieselbe bald einen Excessum, bald aber ein Defectum anzeigten, und überhaupt die Waltherische Observationen nicht allzu richtig sind.(iii)[4] Ich untersuchte ferner die Obs. Albategnii[5] und zu letzt des Hipparchi[6] seine. Alle diese stimmten mit der einmal vestgelegten Größe des Jahrs so gut überein, als es nicht geschehen seyn würde, wenn ich eine acceleration angenommen hätte. Daß Cassini in seinen Elemens d'astronomie[7] einigen Unterschied in der quant. anni tropici gefunden, welcher einer acceleration günstig zu sein scheinet, halte ich für ein bloßes ungefähr; und seine Methode dünkt mir nicht richtig genug zu seyn. Nach einer so genauen Untersuchung, getraue ich mir von meinen Tab. sol. zu behaupten, daß sie mit den alten Obs. so genau übereintreffen, als man nur verlangen kann.(iv)
Was ich aber hierbey besonders wahrgenommen habe ist dieses, daß es mir geschienen, als wenn die Eccentricitaet der Erdbahn vor Zeiten merklich größer gewesen wäre, als sie heut zu tage ist. Nicht nur die Hipparschischen aequinotica, bey welchen man fehler leicht einer andern Ursache zuschreiben kann, sondern vornehmlich die alten Obs. von ☽ finsternißen zeigen Spuren hiervon, als welche letztere mit dem Tabulis ☽ beßer übereintreffen, wenn man eine größerer Eccentricitaet annimmt. (Allein ich getraue mir gegenwärtig noch nicht, die eigentliche größe dieses Decrementi zu bestimmen, denn dieses erfordert eine genauere Untersuchung, und viel mehr Zeit, als mir meine Academischen Geschäfte verstatten.) Sollte (inzwischen) diese Muthmaßung gegründet seyn,(v) so würde sie veilleicht darthun, daß der Motus terrae durch die attraction des Jupiters oder vielleicht auch der ♀ etwas retardirt werde, so wie eine solche Retardation in dem ♄ mit eine Verminderung seiner Eccentricitaet verknüpft ist, und da die Observationen keine wirckliche Retardationen bey der Erde zeigen, so müßte man schließen, daß die Resistentia aetheris solche wieder compensire.
Aus dieser Resistenz läßet sich nun auch die sehr merkliche Acceleration in dem Motu Lunae am besten erklären. Doch dünkt mich, könnte die Ursache auch in der Attraction der Sonne liegen, von welcher die übrigen Ungleichheiten in dem Lauf des Monds entstehen. Da einige von diesen Ungleichheiten bloß deshalb merklich werden, weil ihre Periodi sehr lang ist, so könnte es geschehen, daß in der Combination so vieler Winkel, wenn die Näherung sehr weit würde getrieben werden, eine Ungleichheit gefunden würde, deren Periodus sehr lang und gleichsam unendlich groß wäre. Und in diesen Fällen würde sich diese Ungleichheit in eine beständige Acceleration verwandeln. Indeßen scheinet es sehr schwehr oder gar unmöglich zu seyn, dieses aus der Theorie selbst herzuleiten.
So wichtig die Frage ist, ob in dem Motu terrae diurno keine Ungleicheiten statt finden, so schwer zu untersuchen hat sie mir jederzeit geschienen. Die Mittel, welche mir zur Entscheidung derselben beygefallen sind, lassen sich nur in dem Falle anwenden, wenn die Ungleichheiten nicht allzu geringe sind; und scheinen sie mir eine unveränderliche Geschwindigkeit zu bestätigen, oder vielmehr, sie zeigen, wie groß die Ungleichheiten, dafern solche statt fänden, nicht seyn können; hingegen kann eine sehr geringe Ungleichheit wirklich vorhanden seyn, ohne daß man sie auf diese Arten entdecken könnte. (und) ich weiß nicht, ob meine Gedancken die ich hiervon von Zeit zu Zeit gehabt habe, würdig seÿn, daß ich sie dem Urtheil der dortigen Konigl. Academie vorlegen dürfte.(vi)
Die Recension der Academischen Preißschrift in unseren hiesigen gelehrten Zeitungen[8] rühret nicht von mir her, wie ich denn auch bisher keinen besondern Antheil, an diesen Zeitungen gehabt habe. So viel ich erfahren können, hat sie Hl. K.[9] in Leipzig gemacht.[10] Seit kurzer Zeit ist mir aufgetragen worden, an diesen Zeitungen mit zu arbeiten, ingleichen auch an den hiesigen Relationibus de libris novis, worein ich seither nichts, als den Artickel von der Tabula Peutingeriana[11] verfertigt habe.
Könnte ich nicht durch Ew. Wohlgebl. gütigste Hülfe des H. le Monnier Observations de La Lune, welche in Paris 1751 herausgekommen sind, erhalten.[12] Die vergebene Mühe, welche ich angewendet habe, solche von den hiesigen Buchhändlern zu bekommen, nöthiget mich zu dieser Freyheit und Bitte. Ich hoffe vieles daraus zur weitern Verbeßerung meiner Tabellen herleiten zu können.
Kürzlich ist auch von Leipzig Ew. Wohlgebl. Theoria Lunae[13] an mich überschickt worden, für welches unschätzbare Present der Kayserl. Academie so wohl als insbesondere Ew. Wohlgebl. ich den verbindlichsten Danke abstatte, der ich die Ehre habe mit vollkommenster Hochachtung zu seyn
Ew. Wohlgebohrnen
Göttingen d. 25 Nov.
1753
gehorsamster Diener
T. Mayer
[Alternativer Beginn]
Ew. Wohlgebl. gegründete Meynung von der Resistenz aetheris habe ich niemals in Zweifel zu ziehen
gesucht, und ich halte
nicht für unmöglich, die Wirkung, welche sich in der Acceleration der Planeten
dabey äußern muß, auch durch die Observationen, wenigstens bey solchen Körpern,
deren Bewegung durch die Attraction der andern nicht merklich gestöhret
wird, darzuthun.
[Alternativer Absatz]
Der Beyfall, welchen Ew. Wohlgebl. meiner gegen die Verrückung der alten Observationen
angeführten Gründe gewürdiget haben, könnte mich leicht verleiten, auch meine Zweifel,
wegen der Resistentia aetheris weiter zu treiben, wenn ich
sie nicht selbst für viel schwächer hielte, als der wichtige Gedanke, womit Ew. Wohlgebl. sie bereits
unterstützt haben.
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Fußnoten
- ↑ Diese Gründe hat Mayer im
Brief vom 22.08.1753 angeführt.
Offensichtlich hat Euler darauf ausfürlich geantwortet, doch ist diese Antwort nicht überliefert.
- Forbes, Eric Gray: The Euler-Mayer Correspondence (1751–1755). New York: Elsevier 1971, S. 108–109, Anmerkung 1 zu Brief 18.
- ↑ Le Monnier, Pierre-Charles (25.11.1715–02.04.1799):
Histoire Celeste,
Ou Recueil De Toutes Les Observations Astronomiques Faites Par Ordre Du Roy.
Paris: Briasson 1741.
- ↑ Walther observierte anfangs vom Eislingerhof am Nürnberger Markt
aus (heutige Adresse: Hauptmarkt 11). 1501 kaufte er das heute so genannte Dürerhaus und ließ es
gründlich umbauen. Hier machte er seine letzten Observationen. Mayer waren diese Orte noch unbekannt.
Lowitz schickte mit Brief vom 01.03.1752 einen Stadtplan
von Nürnberg an Delisle, in dem wichtige Beobachtungsstandorte verzeichnet waren. Auch hier fehlen die
von Walther.
- ↑ Walthers Observationen gelten als die besten seiner Zeit. Nur mit bloßem
Auge ist eine größere Genauigkeit nicht zu erreichen. Das harte Urteil von Mayer erscheint unter diesem
Aspekt etwas überzogen zu sein.
- ↑ Albategnius (Al-Battani, ca. 858–929). Sein Hauptwerk de motu stellarum
erschien 1537 in Nürnberg im Druck.
- Rudimenta Astronomica Alfragrani. Item Albategnius Astronomus Peritissimus de Motu Stellarum, ex observationibus tum proprijs, tum Ptolemaei, omnia cum demonstrationibus Geometricis & Additionibus Ioannis de Regiomonte. Item Oratio introductoria in omnes scientias Mathematicis Ioannis de Regiomonte, Patauij habitae, cum Alfraganum publice praelegeret. Eiusdem utilissima introductio in elementa Euclidis. Item Epistola Philippi Melanchthonis nuncupatoria, ad Senatum Noribergensem. Nürnberg: Petreius 1537.
- ↑ Hipparch (ca. 190–120 v. Chr.) war der bedeutenste Astronom seiner Zeit.
Er wies als erster auf die Praezessionsbewegung der Äquinoktien hin.
- ↑ Cassini, Jacques (18.02.1677–16.04.1756):
Elemens D'Astronomie.
Paris: Imprimerie Royale 1740.
- ↑ Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen, 103. Stück, 25.08.1753,
S. 935-936. Besprochen wird die Arbeit:
- Adami, Jacob: Dissertation Sur La Résistance Des Fluides, Qui A Remporté Le Prix Proposé Par L'Académie Royale Des Sciences Et Belles Lettres De Prusse, Pour L&aosiMAnnée MDCCL, Adjugé En MDCCLII. Berlin: Haude und Spener 1752.
- ↑ Gemeint ist Gotthelf Abraham Kästner (27.09.1719–20.06.1800),
der sich damals noch in Leipzig aufhielt. 1756 folgte er einem Ruf nach Göttingen.
- ↑ Der Entwurf endet hier mit der Bemerkung:
"NB. Lemonnier Obseruationen de la Lune. Eul. Theor. ☽".
- ↑ Peutingeriana Tabula Itineraria, quae in Augusta bibliotheca Vindobonensi nunc servatur,
adcurate exscripta. Relationes de libris novis, Fasc. 7 = Vol. 2/3. Göttingen: Vandenhoeck 1753,
S. 233–254.
- ↑ Le Monnier, Pierre-Charles:
Observations
De La Lune, Du Soleil, Et Des Étoiles Fixes.
Paris: L'Imprimerie Royale 1751.
- ↑ Euler, Leonhard: Theoria motus lunae exhibens omnes eius inaequalitates. St. Petersburg: Akademie der Wissenschaften 1753.
Alternative Formulierungen in der Reinschrift
| (i) | So viel aber scheinet gewiß zu sein | |
| (ii) | an welchem Orte dieser Stadt Walther observirt hat, und folglich die Elevatio Poli um etwas ungewiß ist | |
| (iii) | und folglich vielmehr auf die Unrichtigkeit der Observationen zu referiren sind. | |
| (iv) | als diese Observationen unter sich selbst thun. | |
| (v) | welche noch einer schärferen Untersuchung bedarf. | |
| (vi) | Da ich also nr eine sehr unvollkommene Auflösung der Frage zu geben im Stande bin, so zweifle ich sehr, ob sie würdig sey, der Königl. Academie vorgelegt zu werden. |
