Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 21. September 1722
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 84r-85v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr,
   Hochgeschätzter Gönner.

Die von Ew. HochEdl. unter dem 9 hujus an mich abgefaßte Zeilen, sind mir den 14ten darauf, wol zu Handen kommen, und läugne ich nicht, daß ich ein sehnliches Verlangen darnach getragen habe. Denn ich war sehr begierig zu vernehmen, ob wegen der Oster Differenz nichts neues vorgefallen.[1] Wie nun aber Ew. HochEdl. Bericht anzeiget, so scheinet es, als ob die Sache auf die lange Banck gerathen wolte; maßen auch hiesiges Ortes, ich auf mein überreichtes Memorial, weiter nichts erfahren, als daß man so wol von Hl. Prof. Doppelmaier, als von Hl. von Wurzelbau, ein schriftliches Bedencken darüber eingeholet.[2] Wie ich gehöret, so zielte jedes dahin, daß man bey der Astronomischen Rechnung im Verbeßerten Calender beharren müste; wobey der Hl von Wurzelbau, die Erinnerung an hiesigen Rath beygefüget, daß man mit Sr. Königl. Majest. in Preußen darüber conferiren könte, als deßen Academie der Wissenschaft, ohne dem bereits Nachricht davon hätte. Ich meines geringen Ortes, mag diese Begebenheit erwegen wie ich will, so kan ich doch nicht sehen wie es möglich ist, daß man von dem Reichs=Concluso A.o 1699 abweichen und doch den Gregorianern, keinen Verdruß antuhn soll. Es haben diese bißhero kein Bedencken getragen, öffentlich vorzugeben, daß wir A.o 1700 ihren Calender angenommen; wenn wir ihnen nun A.o 1724 das Gegentheil augenscheinlich erweisen, so müssen sie sich entweder unerfindlich darüber bezeugen, oder aber den Vorwurf erwarten, daß sie die Unwarheit ausgestreuet. In beyden fällen kriegen sie Anlas zu einer neuen Verbitterung, so wol gegen die Evangelischen, als Evangelisch-Reformierten; und da sie sich bey gegenwärtigen Religions-Streitigkeiten, ohnedem more consueto, obstinat und trotzig[3] bezeugen,

[Bl. 84v]
so möchte Ihnen die Oster Differenz Gelegenheit verschaffen, sich noch ungebertiger aufzuführen. Doch wer weis, ob die Sache noch auf den Reichs-Tag kömmt? Denn wenn Sr. Königl. Majest. in Preußen, als Summus in Germania Protestantium Princeps sie nicht zu Regenspurg proponiren, oder doch sonst etwas davon gedencken läßt, so werden Republiquen wol stille schweigen, um dadurch den Catholicis nicht die Beschuldigung abzunöthigen, als ob man sich mit ihnen in neue Streitigkeit zu verwickeln begehre, welches man hiesiges Ortes, auf das äußerste zu vermeiden suchet. Indeßen billiche Ew. HochEdl. Entschluß den Calender A. 1724 Astronomice, quo ad stilum reformatum fortzumachen, welches ich selber tuhn würde, wenn ich dergleichen zu elaboriren hätte; gestalten dergleichen resolution, sich auf das allgemeine Conclusum Corporis Evangelici gründet, ohne deßen weitere ausdrückliche Verordnung, ein Privatus keines Weges befugt ist, abzuweichen

Den Tractat, de Mercurio in ☉ 1723 betreffend, von dem ich ehemals Erwehnung getahn, hat er folgende Rubric: Dissertatio Astronomica de transitu Mercurii sub sole d. 9 Nov. 1723 expectando; Praeside M. Matthaeo Honoldo Ulmensi; Lipsice literis Fleischerianis.[4] Er ist in 4o 7 bögen starck mit einem quart Blat Kupfer: und scheinet theils eine Immitation von Ew. HochEdl. neulich edirten Tractat:[5] theils von Junii ehedeßen in gleicher Absicht publicirten Tractat zu seyn.[6] Ich vermeinte diese Dissertation, hier in einem Buchladen zu kriegen, um sie Ew. HochEdl. zu übersenden: allein man will nirgends etwas davon wißen. Mein Exemplar, hat mir ein hiesiger Buchhändler von Leipzig mitgebracht und verehret: ich kan aber nicht fragen, wo und wie theuer er es gekriegt, weil er sich eben itzt auf der Franckfurter Meße befindet.

Vor die Nachricht von der Dedication meiner Institutionum Astronomicarum,[7] bin Ew. HochEdl. ich sonderbahr sehr obligirt. Ich glaube ich werde mich wol entschließen, selbige an das Consilium Societatum zurichten. Theils weil Ew. HochEdl. selber dazu incliniren: theils weil es mir respectuöser zu seyn bedünckt, wenn ich mich an die Hauptglieder der Academie addressiere. Die Exemplaria scheuhe ich gar nicht. Denn etliche bögen Papier werden mich nicht ärmer o: reicher machen.

[85r]
Solten Ew. HochEdl. aber gleichwol meinen, daß die Dedication an das Mathematische Department rathsamer wäre, so bitte Dero Gedancken mir zeitlich aufrichtig darüber zu eröfnen: da hingegen, Dero Stillschweigen mir so viel als eine Genehmhaltung meines Entschlußes, gelten soll; in dem ich wol weis, daß Sie nicht viel Zeit zum Schreiben übrig haben

Zu dem II Tomo Miscellaneorum Berolinensium[8] einen Beytrag zu tuhn, wolte ich vor eine große Ehre achten: allein ich bin mit nichts versehen, das darzu tauget, weil ich privatim zu observiren keine Gelegenheit gehabt, und publice nicht tuhn dürfen, was ich gerne gewollt. Der Status unseres Observatorii, ist Ew. HochEdl. vielleicht von Dero Anwesenheiten, noch bekandt: und wenn Sie selbiges gar nicht gesehen, würde es genug seyn, wenn ich sagte, daß es zum observiren, wenig oder gar nichts taugt, was soll denn hernach gutes u. nützliches darauf geschehen könen; zu mal wenn es die Leute nicht gerne sehen, die doch darzu rahten u: helfen sollen. Jtzt ist man würcklich im Wercke begriffen, selbiges über Hals u. Kopf zu repariren, und in integrum zu restituiren: aber das quomodo, und quibus auxiliis, ist lange nicht, wie es die Sache erfordert. Was nutzt ein 5 schuiger Quadrant, der nicht einmal die minuta prima richtig anzeiget? Was fängt man mit einem 16schuigen Trienten an, der blos pro forma und unbrauchbar dasteht? Was hilft ein Instrumentum Azimuthale, welches weder ein planum horizontale hat, noch die plagas cardinales richtig zeiget? Kurtz um wo dergleichen dinge und darzu keine Uhr und keine linea meridiana ist; wie soll man denn daselbst was dienliches am Himmel ausrichten können? Jtzt wäre die beste Gelegenheit von der Welt vorhanden, alles weit beßer einrichten zu laßen, aber sie haben Augen u: sehen nicht, Sie haben Ohren u: hören nicht. O tempora o mores! et tamen creamini D*.[9] Cetera textus habet. Ich mag von dieser materie fast gar nichts mehr reden oder schreiben, weil es mir nur zum Verdruß gereichet, auch Ew. HochEdl. nichts damit gedienet ist. Vielleicht werden Sie schon sattsam wißen, wie es bißweilen herzu gehen pflegt, wenn man aufrichtig heißen will. So viel indeßen an mir ist, will ich gleich wol nicht ermangeln, unter der Hand mutato nomine,[10] die Sache dahin zu peilen,

[Bl. 85v]
daß bey gegenwärtiger Verbeßerung, nicht alles gantz vergeblich heißet, und man das Observatorium wenigstens zu den nothwendigsten Verrichtungen gebrauchen kan. Biß dahin halte ich mich an den Hl von Wurzelbau, und will noch ferner einen Gehülfen bey Ihm abgeben, wenn sich was wichtiges zu observiren, ereignet; nur ist zu beklagen, daß Er sich sonsten nichts mehr als um die altitudines Solis meridianas, um die Maculas Solis und um die Eclipses luminarium bekümmert:[11] dahero weis ich noch nicht, wo ich Gelegenheit finden werde, künftiges Jahr die große Conjunctionem Planetarum superiore zu observiren, welches ich gar zu gerne tuhn möchte.[12]

Mit Übersendung der Instruction zur compendiösen Berechnung des ortus et occasus Planetarum,[13] werden Ew. HochEdl. mich sehr erfreuen, und will ich alsdann nicht ermangeln, die darzu erfordernde Tabellen auf hiesigen horizont zu richten, um deren mich künftig bey vorfallenden Gelegenheiten zu bedienen, auch eine und die andere observation, darüber anzustellen.

Sonsten muß ich melden, daß zu Coppenhagen alle von Römern inventirte Instrumenta und Machinen, heraus kommen werden, wovon ich bereits einige Kupfer gesehen.[14] Übrigens statte ich schuldigsten Danck vor die Übersendung der letzten Mond Finsterniß[15] ab, die wie schon neulich erwehnet, hier und zu Lindau invisibilis gewesen. Zu Bononien ist sie weitläuftig observiret, und die momenta auch auf einen halben Bogen compress gedruckt worden.[16] Ob anderwerts mehr das Wetter zur Observation dienlich gewesen, habe ich noch nicht in Erfahrenheit gebracht. Denn man pfleget dergleichen Dinge insgemein gar spät zu publiciren. Solte mir was davon zu Handen kommen, oder ereignet sich sonsten etwas neues daß zu unserm Handwerck tauget, will ich nicht ermangeln Ew. HochEdl zeitlich davon part zu geben; biß dahin wie alle Zeit ich unter Anwünschung aller selbst desiderirender Prosperitaet, ich aus unverfälschtem Hertzen lebenslang beharre

Ew. HochEdl.

  Nürnberg.
d. 21. Septemb. A. 1722.

aufrichtig ergebenster die-
ner   
Johann Leonhard Rost.


Fussnoten

  1. Im PS seines Briefes vom 20. April 1722 hatte Rost diese Osterdifferenz erstmalig angesprochen.
  2. Deren beiden Gutachten finden sich in der Europäischen Staats-Cantzley, 41 (1723), S. 639-649.
  3. more consueto, obstinat und trotzig: wie gewohnt unbelehrbar und trotzig.
  4. Honold, Matthaeus (Praeses, 1696-1726); Pfizzer, J. P. (Respondent): Diss. de transitu Mercurii sub sole d. IX. Nov. a. 1723 expectando. Leipzig: Fleischeriano 1723
  5. Kirch, Christfried: Transitus Mercurii Per Solem, Ad Anni proximi M D CC XX. Diem 8. Maji, Ex variis recentioribus Tabulis supputatus, & necessaria Commentatione illustratus Accessere Conjunctionum Lunae cum Venere, Palilicio & Regulo notabiliorum, per eundem Annum observandarum, Praedictiones, juxta Tabulas Cel. Philippi de la Hire. Berlin: Papenius 1719.
  6. Junius, Ulrich (1670-1726): Mercurii In Sole Conspicui Calculus Anno MDCXCVII. D. XXIV. Octobr. Stil. Veter. Leipzig: Goez 1697
  7. Vgl. hierzu Rosts Brief an Kirch vom 20. April 1722.
  8. Der zweite Band der Miscellanea Berolinensia ad incrementum scientiarum kam 1723 heraus. Darin findet sich kein Beitrag von Rost.
  9. Der Vers lautet vollständig: et tamen creamini Doctores. Er richtet sich gegen Doktoren der Rechtsgelehrtheit. Über das D* wird bei Rost daraus eine Anspielung auf Doppelmayr.
  10. mutato nomine: unter falschem Namen.
  11. Wurzelbau kümmerte sich also nur noch um Meridianhöhen der Sonne, um Sonnenflecken und Finsternisse. Dass er wegen "Schwachheiten" des Alters sich nur noch um diese Beobachtungen kümmerte sprach er selbst schon in einem Brief an Christfried Kirchs Mutter Maria Margaretha Kirch (1670-1720) vom 10. Juni 1713 offen an.
  12. Am 5. Januar 1723 hatten Jupiter und Saturn einen Abstand von weniger als einem Grad. Wegen schlechten Wetters konnte Rost diese Konjunktionen nicht beobachtet, vgl. seinen Brief an Kirch vom 1. Februar 1723.
  13. Auf- und Untergang der Planeten.
  14. Dabei scheint es sich um die folgende Schrift zu handeln, die allerdings erst 1735 herauskam: Horrebow, Peter: Basis Astronomiae Sive Astronomiae Pars Mechanica: In qva Describuntur Observatoria, atqve Instrumenta Astronomica Roemeriana Danica; simulqve eorundem usus, Sive Methodi Observandi Roemerianae. Kopenhagen: Pauli 1735.
  15. Am 29. Juni 1722 fand eine totale Mondfinsternis statt. Kirchs Bericht darüber steht im 20. Versuch der Breslauischen Sammlungen, erschienen 1723, S. 581-584.
  16. Die Beobachtungen der totalen Mondfinsternis vom 29. Juni 1722 aus Bologna finden sich in den Nova litteraria vom August 1720, S. 113-117.