Briefwechsel Michael Adelbulner


Kurzinformation zum Brief Zum Originalbrief
Autor Adelbulner, Michael (1702-1779)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 10. Dezember 1733
Signatur UB Basel: L Ia 677, Bl. 23r-24v
Transkription Hans Gaab, Fürth


HochEdler, Hochgelahrter,
   Insonders wehrthzuschätzender Herr und Patron.

Daß Ew. HochEdl. mich einer Antwort würdigen, und mit Deroselben wehrtesten Zeilen beehren wollen, erkenne ich mit vielen Dank, und wünsche nichts mehrers, als daß Dieselben mich dero Gewogenheit würdig schätzen, und öfters mit Deroselben wehrtesten Zuschrifft beehren mögen.

Es ist freylich eine ausgemachte Sache, daß Hl. Prof. Doppelmayr dem Commercio Astronomico einen großen Nutzen hätte schaffen, und mit deßelben Correspondenz vortrefflich dienen können.[1] Es war auch dieses die Absicht des Hl. Prof. Celsii und Hl. D. Trews[2], welche es gleich anfangs darauf antrugen, daß wir dieses Commercium gemeinschaftlich tractiren sollten. Weil sich aber Hl. P. Doppelmayr einbildete, daß ich dadurch auch in der Welt bekandt werden; diese auf solche Weise erlangte rennomee aber der seinigen nachtheilig seyn möchte; so opponirte er sich auf alle Weise diesem proiect, und wolte absolute nicht erlauben, daß meiner in der epistola invitatoria solte Erwehnung gethan werden. Es stellten zwar Hl. Prof. Celsius; Hl. D. Trew und Hl. Dr Preißler[3] ihme den Ungrund seines begehrens vor, und zeigten ihm die Unbillichkeit deßelben; ja sie behaupteten, daß ich allerdings praetendiren könte, daß man mich so wol als ihme nennte; weil ich außer denen Unkosten, allen Umständen nach die größeste Mühe damit haben würde. Ja was noch mehr, es legten sich hohe Personen in diesem Lande, wie denn unser Hl. Ephorus[4] selbst Hl. Celsium bate, er möchte Hl. Doppelm. auf raisonablere Gedancken bringen. Allein es waren alle Vorstellungen vergebens, und alle Mühe umsonst; Er nahm keine raison an, und führte sich gar nicht als ein mathematicus auf, welches sonst billige Leute, die, weil sie mit lauter rationibus umgehen, auch raisonable zu seyn pflegen. Da mich Hl. P. Celsio ihme endlich vorgestellet wurde, daß ich gar nichts mit dem Commercio Astron. wolte zu schaffen haben, wenn er sich nicht billiger aufführen wolte, ward er gleich mit der Antwort fertig, daß er die ganze Sache über sich nehmen und ohne meine Hülfe schon zu recht kommen würde. Ich war damit zufrieden, und es vergingen wol 4 und mehr Wochen, ehe ich bey Hl. Celsio anfragte, wie es mit dem Commercio stünde? ich erhielte zur Antwort, daß Hl. P. Doppel. 60 Subscribenten erwartete, wenn er diese bekommen, so wolte er gleich anfangen laßen; daß übrigens Hl. P. Celsio selbsten bange wurde, und daß er nicht glaubte, daß jemals dieses proiect zu stand gebracht werden könte. Es war auch dieses leichte zu glauben, weil man zu solchen Werken nicht leicht Verleger bekommen kan; solche aber auf seine Kosten zu verlegen, ist eine Sache, die kostbar ist.

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Was ich aber hierinnen vor einen Vortheil habe, ist gar leicht zu merken, weil ich meines Vatters druckerey beyhanden habe,[5] davon ich mich, weil ich solche gelernet, nach Gefallen bedienen kan; wie ich denn alle numeros selbsten seze, damit an der Accuratesse und Zierlichkeit, nichts abgehen möge. Und diese so schöne Gelegenheit gab auch Hl. Dr. Trew anlaß, zum allerbesten auf mich zu fallen, und mich Hl. P. Celsium vorzuschlagen, als er ihme seine Meynung ein Comm. Astron. aufzurichten entdeckte. Ich machte auch nicht die geringste Schwierigkeit, sondern resolvirte mich gleich diese, meine gute Gelegenheit meinen Nächsten zu dienen, nicht zu verabsäumen. Wiewol diese meine ehrliche Intention mir bereits ziemlich sauer gemacht worden ist, und noch gemacht werden wird. Inzwischen kam der Tag der Abreise des Hl. P. Celsii immer mehr herbey, nichts aber von der Epist. Invit. zum Vorschein; daher ich auch von hoher Hand befraget wurde, ob ich denn nicht selbsten ein solches Commercium anfangen, und die Epist. Invit. verfertigen wolte: weil man doch deutlich merken könte, daß es Hl. Doppelm. kein Ernst wäre. Ich entschloße mich darzu, und brachte die Inuit. Epist. zur Censur; in welcher ich aber des Hl. Prof. Doppelm. honorofice gedacht. Ich bate auch Hl. Celsium, er möchte die Gütigkeit haben, und selbige Hl. Dopp. lesen laßen, auch ihme zureden, damit er ein Assistent[6] von diesem Commerc. werden möchte. Alleine Ich erbote mich Ihme vor die Communication seiner Correspondenz so viele Exemplaria zu geben, als er verlangte, und versprach zugleich, daß, wenn ich einmal einen profit erlangen solte, ich seiner nicht vergeßen wolte. Allein es war alles umsonst; er verklagte mich bey unsern Hl. Ephoro, und praetendirte, daß man mir ein dergleichen Unternehmen untersagen solte. Man wiegte ihn aber ab, und dieses absonderlich darum, weil die Gelehrsamkeit kein Handwerck und jedermann erlaubt ist etwas zu schreiben, wenn es nur nicht contra bonos mores[7] etc. ist. Doch wurde mir dabey aufferleget, daß ich den Nahmen des Hl. Prof. D. heraus nehmen, und seiner nimmermehr gedenken solte. Das erste ist sogleich geschehen, das lezere aber soll jederzeit fleißig beobachtet werden. Kaum als ich die Epist. Invit. geliefert, so liße Hl. P. D. in die Zeitung sezen, daß er seine Correspond. herausgeben wolte und schreibe auch solches alles seinen Hl. Correspondenten, und fügte vieles mit bey, wodurch er mich mit meinem proiect verhaßt zu machen versuchet.[8] Ich achte aber alle freche falsche be-

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schuldigungen gar nicht, verlaße mich vielmehr auf meine gerechte Sache, und hoffe noch einen guten Ausgang zu sehen. Seine Auffassung aber befremdet mich nicht, wenn ich bedenke, wie Hl. P. D. dem seeligen Rost mitgefahren, und biß in seinen Tod verfolget hat. Es waren eben der nemliche Neid und Mißgunst, die ihn zu solcher Verfolgung verleidet hat.

Ich habe bißhero Ew. HochEdl. den Ursprung unserer Uneinigkeit entdecket, und so viel davon gemeldet, als etwan genug seyn mag, zu erkennen, daß ich keine Gelegenheit zu suchen gegeben, und daß ich unschuldig verfolget werde. Daß ich aber die Warheit geschrieben, müßen zwar Ew. HochEdl. gegenwärtig nur glauben; dieselben können aber von Hl. Prof. Celsis, als einem Unpartheyischen von der Warheit meines Vortrages überzeuget werden. Nun ist noch eines übrig, nemlich, daß ich Ew. HochEdl. ganz gehorsamst bitte und ersuche, daß dieselben ein so nützliches Vorhaben unterstützen, und Deroselben Sorge würdig achten mögen. Es ist dieses um so nöhtiger, je geringer biß dato meine Cognition in rebus Astronomicis ist. Ew. HochEdl. Liebe zur Astronomie, deroselben bereitwilligkeit dem publico zu dienen, und die unschuldige Absicht meines Vorhabens versprechen mir bereits eine geneigte Willfahrung; und ich stelle mir schon zum voraus mit vielem Vergnügen den Nuzen unsres Commercii vor, welchen es erlanget, in dem Ew. HochEdl. Hand an das Werk lege, und daßelbe dirigiren werden. Dieses Vergnügen, soll der einige Lohn alles meines Fleißes, aller meiner Mühe, ja aller derer Unkosten seyn, die ich auf ein dergleichen Commercium aufzuwenden habe. Beykommende Blätter zeigen inzwischen die eigentliche Einrichtung; gefället dieselbe Ew. HochEdl. ist es gut; wo aber nicht, so bitte mir zu melden, wo dieselbe eine Verbeßerung nöhtig machten. N. III ist unter der Preße,[9] es enthält in sich Iter Kamtschakiense,[10] und das meiste von Hl. P. Weidl. [= Wedel]

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programmate, in welchen von einer machina pro dirigendi tubis gehandelt wird.[11] N. IV. soll den beschluß dieser machinae, nebst einige observationes von der lezten ☉enfinsternis begreiffen. Dörffte ich nicht um Ew. HochEdl. observation dieser ☉enfinsternis bitten?[12] N. V. soll die recension der Transactionum Anglic. for the month of June and July 1731. in sich enthalten. Da fragt sichs nun, ob ich den Catalogum Eclipsium of the four Satellites of ♃ for the year 1732. hinein sezen soll, ohngeachtet daß 1732. schon vorbey ist.[13]

Die verlangte bücher endlich betreffend; sind dieselben hier nicht zu haben; ich verhoffe aber selbige von Venedig zu bekommen, durch den Hl. Can. Capelli,[14]

der ein eiffriger beförderer unsres Commercii und mein sehr wehrter Correspondent ist. Sobald selbige bekommen, wie ich denn heute an ihn geschrieben, will damit aufwarten. Nun ist es Zeit, daß ich schließe, um Ew. HochEdl. nicht gar zu sehr zu beschwehren. Nur meine gehorsame bitte will ich hir mit nochmals wiederholen, daß nemlich Ew. HochEdl. mich des beystands würdig schäzen, und unter der Zahl derjenigen zu seyn erlauben mögen, welche unausgesagt mit der größten Hochachtung Ew. HochEdl. ergeben sind. Wie ich denn mit vielem Plaisir bin


Ew. HochEdl.
als meines hochzuehrenden Patrons.

Nürnbg d. 10. Dec.
    1733.

ergebenster diener
M. Adelbulner.


Fußnoten

  1. Celsius hatte die Gründung einer astronomischen Fachzeitschrift angeregt. Darüber kam es aber zum Streit zwischen Doppelmayr und Adelbulner, den Adelbulner im Folgenden aus seiner Sicht darstellt.
  2. Der Arzt, Botaniker und Sammler Christoph Jacob Trew (1695-1769) war der wichtigste Mitarbeiter an der medizinischen Fachzeitschrift Commercium litterarium ad rei medicae, deren erste Nummer 1731 erschien. Celsius nahm bei seinem Nürnberger Aufenthalt an den Redaktionssitzungen in Trews Haus im Wespennest teil. Er war von der medizinischen Zeitschrift so angetan, dass er anregte, eine entsprechende astronomische Zeitschrift herauszubringen. Zu Trew vgl. Pirson, Julius: Der Nürnberger Arzt und Naturforscher Christoph Jakob Trew (1695-1769). Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 44 (1953), S. 448-576.
  3. Christoph Wilhelm Preißler (1702-1734) war 1730 ins Collegium Medicum aufgenommen worden. Er war Mitgründer der medizinische Zeitschrift Commercium litterarium ad rei medicae (vgl. Fußnote 2), starb aber bereits 1734.
  4. Im antiken Sparta teilten sich fünf Ephoren das höchste Staatsamt. In Nürnberg waren es diejenigen die die höchsen politischen Ämter der Stadt innehatten. Konkret gemeint sein dürfte hier Hieronymus Wilhelm Ebner von Eschenbach (1673-1752), den Adelbulner im Brief vom 19. August 1734 als "Hl. Ephorum, Hl. von Ebner, als meinen großen Patron" ansprach.
  5. Johann Ernst Adelbulner (1665-1737) war seit 1700 als Buchdrucker im Nürnberger Ämterbüchlein eingetragen.
  6. Dass er, der Herr Professor Doppelmayr, Assistent seines ehemaligen Schülers Adelbulner werden solle, erboste Doppelmayr besonders, vgl. dessen Brief an Kirch vom 31. Dezember 1733, UB Basel: L Ia 688, Bl. 113,2r. Adelbulners Wortwahl war an dieser Stelle nicht besonders geschickt.
  7. contra bonos mores: gegen die guten Sitten.
  8. Vgl. die Leipziger Neue Zeitungen von gelehrten Sachen, 10. September 1733, S. 643f.
  9. Die Nr. III des Commercii Litterarii Astronomici ist auf den 21. Dezember 1733 datiert.
  10. Unter der Leitung von Vitus Bering (1681-1741) fand von 1733 bis 1743 die sog. zweite Kamtschatkaexpedition statt. Entgegen Adelbulners Behauptung findet sich darüber nichts in den Commercii.
  11. Johann Adolph Wedel (1675-1747) war Professor für Medizin in Jena. In der Nr. III der Commercii wird seine Arbeit Propempticon inaugurale de machina dirigendis tubis astronomicis aptissima et paratu facillima. Jena: Ritter 1730 vorgestellt.
  12. Es handelt sich um Beobachtungen zur Sonnenfinsternis vom 13. Mai 1733.
  13. Besprochen werden sollte also die Ausgaben für Juni und Juli 1731 der Philosophical Transactions aus London. In diesen Ausgaben findet sich: Hodgson, James: A Catalogue of Eclipses of the Four Satellites of Jupiter, for the Year 1732. Philosophical Transactions 37 (1731/32), S. 109-123). Weder diese Tabellen noch die Besprechung der Juni- und Juli-Ausgaben finden sich in den Commercii.
  14. Der Astronom Angelo Felice Capelli (1681-1749) aus Venedig war einer der Mitarbeiter an Adelbulners Commercium.

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