Briefwechsel Tobias Mayer


Kurzinformation zum Brief Zum Original
Autor Michaelis, Johann David (1717-1791)[1]
Empfänger Münchhausen, Gerlach Adolph von[2]
Ort Göttingen
Datum 16. September 1754
Signatur Universitätsarchiv Göttingen: Kur. 72547, Bl. 261r-262r
Transkription Hans Gaab, Fürth; doch siehe
Roth, Erwin: Briefe von und an Tobias Mayer. Marbach: Tobias-Mayer-Museum-Verein 1992, S. 37.


Hochgebohrner Freyherr,
  Gnädigster Herr,


Es thut mir recht empfindlich leid, daß ich nicht im Stande gewesen bin, die mir aufgetragene Commission glücklich auszurichten. Herr Professor Mayer (den ich nur vor all zu unentbehrlich ansehe, und seines gleichen nicht weiß) bleibt blos bey den vor 8 Tagen gemeldeten Bedingungen, und alle meine Persuasionen haben nichts bey ihm ausgerichtet.

Wegen des Observatorii, deßen freier und ungestörter Gebrauch ihn besonders nach Berlin hinziehet, antwortet er mir: die Mit-Direction deßelben, die ich ihm aus dem Gnädigsten P. M. verspräche, sey nicht neues, sondern ihm gleich zu Anfang versprochen, allein er habe bey Deliberationen aufgehört Gebrauch davon zu machen, weil ihm die Deliberationen nur Streit und Unhöflichkeiten zugezogen. Hingegen

[Bl. 261v]
(und das ist wol ein Haupt-Punct) sey er gar nicht im Stande, Observationes darauf zu machen , so lange Herr Segner[3], der keine machen werde, den Zugang dazu habe. Denn nur Eins zu gedencken, so gehöre zu astronomischen Observationen eine genau gehende, und oft viele Tage vorher aufgezogenen Uhr: er traue es aber Herrn Segner wol zu, daß er sie blos um seine Observation zu nichte zu machen, heimlich verrücke.

Ich muß leider sagen, daß diese Furcht nicht ungegründet ist. Ich kenne nicht nur Herrn Segner, in deßen Hause ich 2 Jahre gewohnet habe, überhaupt: sondern noch 1752 an 1 December (wo ich nicht in der Zeit irre) hat er mir, da er mit Herrn Haller[4] eine Querelle angefangen hatte, und nicht in der Societät ablesen wollte, ich aber Mediaticus seyn mußte, bey einer langen Unterredung gesagt: er wolle nächstens eine Ausarbeitung machen, die voller mathematischen Fehler sey: man werde es nicht mercken, und sie drücken laßen; als denn werde er sich öffentlich moquiren. Wer capable ist, um eines eintzigen feindes willen an einer gantzen Societät eine solche Rache sich vorzunehmen, die nicht einmahl anders zur Rache werden kann, als wenn er sie, und seine Bosheit, öffentlich bekennet, der ist auch capable, die Uhr des Observatorii zu verrücken, und bey dem kann Herr Mayer nicht sicher seyn.

[Bl. 262r]
Ich kann bey den ungemein Gnädigen Gesinnungen Ewr. Excellenz mir leicht von der Verlegenheit eine Vorstellung machen, darin diese Antworten und Nachrichten Hochdieselben setzen müßen; denn wenn auch Ewre Excellenz noch so geneigt sind; Herrn Mayer gnädigst zu willfahren, so sehr wird es an einem unbeleidigenden Praetext fehlen, einem ältern Collegen etwas zu entziehen, so er schon hat. Sollten indeßen Ewr. Excellenz Herrn Mayern, deßen Verlust wahrhaftig unersetzlich ist, gnädigst favorisiren wollen, so schreibe an Herrn Scheidt[5] meine Gedancken, wie man Herrn Segner, ohne die wahren Beschwerden so gegen ihn obwalten, zu nennen, vernunftlich auf eine sanftere Weise vom Observatorio entfernen kann.

Alles überlaße lediglich der Gnade und Weisheit Ewr. Hochgeb. Excellenz, und bitte nur um Gnädigste Vergebung, wenn ich bey der größten Begierde, Ewr. Hochgeb. Excellenz durch angenehme Nachrichten zu erfreuen, doch die Sachen nicht angenehmer schreiben kann, als sie sind: der ich in der demüthigsten Hoffung, daß Ewr: Excellenz deshalb auf mich keine Ungnade werfen werden, verharre

Hochgebohrner Freyherr,
Gnädigster Herr,
Ewrer Hochgebohrnen Excellenz

Goettingen den 16. sept. 1754.

unterthänigster Diener
Joh. David Michaelis



Fußnoten

  1. Johann David Michaelis (1717-1791) war Theologe und Orientalist an der Universität Göttingen. U.a. er entwarf für die dortige Akademie der Wissenschaften die Satzung und war einige Zeit Sekretär, dann Direktor dieser Einrichtung.
  2. Gerlach Adolph von Münchhausen (1688-1770) war Minister des Kurfürstentums Hannover. 1734 war er einer der Begründer der Georg-August-Universität in Göttingen. Ab 1753 war er als Kammerpräsident für das Ressort Finanzen zuständig.
  3. Johann Andreas Segner (09.10.1704-05.10.1777) war seit 1751 für die Errichtung der Universitätssternwarte in Göttingen zuständig. 1755 wechselte er nach Halle.
    Zu Segner und seiner Rolle beim Bau der Sternwarte siehe:
    • Rab, Irén: Die Rolle von Johann Andreas Segner (1704-1777) bei der Errichtung der ersten Göttinger Sternwarte. In: Lengyel, Zsolt K. (Hrsg.): Ungarn-Jahrbuch. Zeitschrift für interdisziplinäre Hungarologie 37, 2021. Regensburg: Friedrich Pustet 2022, S. 41-63
  4. Der Mediziner Albrecht von Haller (1708-1777) war einer der Gründungsväter der Göttinger Akademie der Wissenschaften.
  5. Christian Ludwig Scheidt (1709-1761) war seit 1748 Hofrat und Bibliothekar in Hannover. Zu ihm siehe: Büsching, Anton Friedrich: Beyträge zu der Lebensgeschichte denkwürdiger Personen, insonderheit gelehrter Männer, Band 3. Halle: Curt 1785, S. 263-316.
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