Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 2. Mai 1726
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 137r-138r
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr,
   Hochgeschätzter Gönner.

Durch mein letzteres, welches der Herr de l'Isle[1] überbracht hat, ist auf Ew. HochEdl. order mir von den Herren Endters[2] bedeutet worden, daß derselbige bei Ihnen sich eine zeitlang aufgehalten und mit Ihnen die Emersionem ♂ im Januario[3] observiret habe. Wie diese observation allhier ausgefallen, das ist Ihnen sonder Zweifel, schon aus den gelehrten Zeitungen bekand, darinnen sie nebst der ☌ ♃ ♀ ist angeführet worden;[4] bey dieser letztern habe ich aber einen errorem gefunden, da ich ex Ghislerio,[5] den motum ♀ a ♃ 50.' 24'' gebrauchet, welcher doch ex Longit. d. 16 et 22 Jan. 51.' 10'' seyn solte. Inzwischen geben ihn gleichwol die neuen Ephemerides Manfredio[6] auch 50.' 24''. Diese Ephemerides, hat mein bruder ohnlängst verehrt bekommen, und sind sie darinnen vollständiger als die vorhergehenden, weil er log Nodi ☽ sich auf alle Tage darinnen befindet. Den 17 u: 18 Febr. observirte mein bruder die ☌ ♀ ε ♓.[7] Ich führte aus den gemeßenen distantiis den Calculum, mit zuziehung des ortes der fixsterne aus dem Hevelio, Flamstedio und Maraldi, da sichs dann geäußert, daß Flamstedius, am nächsten zutrafen. Es begab sich nehmlich die ☌ observata d. 17 Febr. h. 6. 15. 2 sub dist. centror. 2. 25. 54 (adhibito motu ♀ ex de la Hire) und nach der Rechnung d. 18 Febr. h. 0. 15. 49 sub dist. centro. viso 2. 22.16. Manfredi Ephemerides, geben diese ☌ d. 17 Febr. h. 23. 23. 13. Hiebey erinnere ich, daß der motus latitudinis ♀ nach Ghislerio fast durchgehends, in allen Jahren seiner Ephemeridem falsch, wie er denn gegenwärtig, von Manfredio, um etliche Grad unterschieden ist. Den 13 Martii, observirte ich und mein Bruder, jeder besonders, den Transitum ☽ ad ♂. Nach meines Bruders distantiis war ☌ visa observata h. 8. 50. 58, der arcus inter centra 1.o 22.' 4'', und distantia ♂ a limbo ☽ proximo 1. 5. 6. Nach meiner Observation

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betrug die Zeit der ☌ h. 8. 50. 52, die dist centr. 1. 23. 4 und die dist. ♂ a limbo ☽ 1. 6. 0. welche beede Observationes, nahe genug zusammen treffen, und mag die Differenz etwan daher rühren, weil jener den Diametrum ☽ 33.' 56'', ich aber 34.' 9'' gefunden hat. Von allen diesen Observationibus, werden Ew. HochEdl küftig in den Breslauischen Natur und Medicin Geschichten, eine ausführliche Nachricht antreffen. Den 24 Martii Nachts um halbweg 11 Uhr, war hier ein Nordschein zu sehen.[8] Er bestunde aber nur in einer überaus starcken Helligkeit des Himmels, die sich biß über die Cassiopeiam herauf erstreckte, und dünckte mich dabey, als ob es an deßen Confinio loderte. Ein dickes Gewölck, welches aus Westen herauf kam, überzog den Himmel gar bald, also daß ich weiter auf nichts achtung geben konte. Sonsten finde ich in den Ephemeridibus Manfredi, daß den ersten Augusti der ♂ abermal bey Tage vom ☽ soll bedeckt werden, und Herr Gaupp, meldet hievon in seinem sogenannten Schwedischen Calender,[9] den die Hhl. Endters verlegen, daß die Immersio zu Nürnberg h. 5. 33, die emersio h. 5. 52, und der arcus inter centra 15 seyn soll, welches Ew. HochEdl. zur Nachricht habe melden wollen, weil in dero edirten Himmels Begebenheiten,[10] nichts davon enthalten ist. Ich wünschte, daß Ew. HochEdl. die Ephemerides Manfredii bald in die Hände bekämen, um sich deren bey Ihren Calendern zu bedienen. Denn Ghislerius,[11] hat enorme Fehler, und ist seine motus Latitudinis Veneris durchgehend falsch, wie er denn gegenwärtig von Manfredio und de la Hire,[12] um etliche Gradus abweichet. Solcher gestalt werden alle Phaenomene Veneris, anderst erscheinen müssen, als er sie berechnet, oder als man sie aus seinen Ephemeridibus berechnet, und könte deßwegen ein Calculator von unbesonnenen Leuten, leichtlich den Verdacht kriegen, als ob er falsch gerechnet hätte.

Von des Hl de l'Isle Ankunft in Petersburg,[13] habe ich noch nichts gehört. Ich schreibe dißmal durch die Adresse des Hl. Prof. Hausen zu Leipzig,[14] selber an ihn, und will hören, was er gutes Neues dargegen vermeldet. Ew. HochEdl. berichte ich im Vertrauen, daß der hiesige Magistratus gesonnen, die Wurzelbauische Instrumenta an sich zu kauffen, und zu deren Gebrauch, einen bequemen Platz anzuweisen, wo sie sub tecto stehen können. Man gebraucht mich hierinnen zum Unterhändler: es stößt sich aber der Fortgang nur daran, daß die Wurzelbauischen Erben, noch mit einander processieren, dahero pendente lite,[15] nichts ersprießliches anzufangen ist. Wenn Hl. Prof. Doppelmaier Kundschaft von

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der Sache hätte, würde er sie eher zu hintertreiben, als zu befördern trachten, indem sie ihm mehr nachtheilig als beförderlich schiene. Der Streich, den er mir mit dem Hl de l'Isle gespielet,[16] hat ihn hier und anderwerts, gar schlecht recommendiret, daß er sein neidisches u. feindseeliges Bezeugen, noch genug bereuen dürfte. Zum wenigsten, hat ihn der Hl de l'Isle selber, sehr übel aufgenommen, wie er mich deßen durch den Hl. P. Hausen, in nachdrücklichen Terminis hat versichern lassen. Weil er ihm hier nicht von dem geringsten, was er ihn fragte, Satisfaction geben, ja nicht einmal die Beschaffenheit des Wurzelbauischen Azimuthal Quadranten erklären konte, pfleget er ihn gegen andere, nur seinen petit mouton[17] zu nennen. Mein Bruder, der noch etliche Tage vor seiner Abreise, Gelegenheit bekommen, mit ihm zu conversiren, hat sein Micrometron filare, gar sauber eigenhändig nachgemachet, welches nächster Tagen zum Gebrauch gar fertig seyn wird. Ich leuge nicht, daß diese Maschine zu accuraten und subtilen observationibus, sehr dienlich scheinet, allein noch zur Zeit, will mir des Seel. Hl. Vaters Invention, weit bequemer scheinen, weil man, wenn die Nacht gleich stockfinster ist, die schrauben doch eher und leichter, als die zarten Fäden erkennen kan. Wie hat Ihnen denn des Hl. de l'Isle sein Quandrant gefallen, der so viel Geld gekostet haben soll? Mein Bruder meinet, die division hätte schon zarter seyn dürfen, und die große Menge der Zahlen auf dem limbo, hätte ihm auch nicht gefallen. Die Eintheilung der Wurzelbauischen Instrumenten, hat Hl. de l'Isle admiret. Sie waren aber gleichwol darinnen nicht recht, weil sie nicht teleskopisch heißen. Wären sie nur mein, ich wolte mich dieses praejudicium nichts hindern laßen. Die Tabulae Solares Noricae,[18] sind ein unumstoßlicher Beweis, daß man nudo oculo auch accurat observiren kan, und quod potest fieri per pauca non debet fiere per plura.[19] Zum wenigsten bin ich der richtigen Stellung eines tychonischen Quadranten, allezeit gewißer versichert, als eines telescopischen, ohne daß ich den letzten deßwegen verachte, weil lustig damit zu observiren, und deßen usus in gewißen fällen, nicht zu verachten ist. Mehr finde ich dieses mal nicht zu schreiben. Ich schließe derohalben und beharre mit aller Aufrichtigkeit.

Ew. HochEdl.

  Nürnberg.
den 2 Maji 1726.

gantz ergebenster ver=
bundenster diener.

J L Rost. 


Fußnoten

  1. Auf seinem Weg von Paris nach St. Petersburg hielt sich Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) Ende 1725 in Nürnberg auf. Rost hatte nicht direkt mit ihm gesprochen, sehr wohl aber sein Bruder.
  2. Die Endter waren eine bekannte Nürnberger Buchhändlerfamilie.
  3. Am 18. Januar 1726 wurde der Mars vom Mond bedeckt. Kirchs Bericht darüber findet sich in den Miscellanea Berolinensia ad incrementum scientiarum 3 (1727), S. 232-234.
  4. Vgl. Rosts Beitrag in den Neuen Zeitungen von gelehrten Sachen vom 18. Januar 1726, S. 196-199. Darin findet sich auch seine Beobachtung der Konjunktion von Jupiter und Venus vom 20. Januar 1726.
  5. Ghisilieri, Antonio (1685-1734): Ephemerides motuum coelestium ab anno 1721 ad annum 1740. Bologna 1720.
  6. Manfredi, Eustachio: Novissimae ephemerides motuum coelestium: Ex anno 1726 in annum 1737. Bologna: Pissari 1725
  7. Vgl. zu Johann Carls Beobachtungen wie zu den Berechnungen von Johann Leonhard Rost zum Vorbeigang der Venus an ε Psc: Sammlung von Natur- und Medicin- wie auch hierzu gehörigen Kunst- und Literatur-Geschichten; 35. Versuch, Winterquartal 1726, erschienen 1727; S. 181-187.
  8. Vgl. die Sammlung von Natur- und Medicin- wie auch hierzu gehörigen Kunst- und Literatur-Geschichten; 35. Versuch, Winterquartal 1726, erschienen 1727; S. 336.
  9. Zu Johannes Gaupp und seinen Kalendern siehe den Eintrag im Biobibliographischen Handbuch der Kalendermacher von 1550 bis 1750.
  10. Kirch, Christfried: Merckwürdige Himmels-Begebenheiten, so sich im bevorstehenden 1726. Jahre zutragen werden. Berlin: Haude 1725.
  11. Ghisilieri, Antonio (1685-1734): Ephemerides motuum coelestium ab anno 1721 ad annum 1740. Bologna 1720.
  12. La Hire, Philippe de: Tabulae astronomicae. Paris: Michallet 1687.
    Rost benutzte wahrscheinlich die folgende Ausgabe.
    La Hire, Philippe de: Tabulae astronomicae Planetarum omnium. Ingolstadt: Grass 1722.
  13. Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) war 1725 von Paris nach St. Petersburg aufgebrochen, wobei er Ende 1725 nach Nürnberg kam. Offensichtlich hat Rost seit dessen Eintreffen in St. Petersburg nichts mehr von ihm gehört.
  14. Christian August Hausen der Jüngere (1693-1743) lehrte u.a. die Mathematik in Leipzig.
  15. pendente lite: bei schwebendem Verfahren.
  16. Doppelmayr hatte Rost nichts von der Anwesenheit Delisles in der Stadt erzählt, vgl. die Brief vom 21. und 22. Dezember 1725.
  17. petit mouton: kleines Schaf.
  18. Wurzelbau, Johann Philipp: Uranies Noricae basis astronomica. Nürnberg: Monath 1719.
  19. Es schickt sich nicht, dass das, was mit wenigem geschehen kann, mit vielem geschieht.