Briefwechsel Georg Moritz Lowitz


Kurzinformation zum Brief  
Autor Gesner, Johann Matthias (1691-1761)[1]
Empfänger Münchhausen, Gerlach Adolph von (1688-1770)[2]
Ort Göttingen
Datum 9. Juni 1760
Signatur Universitätsarchiv Göttingen: Kur. 7060, Bl. 15r-16v
Transkription Hans Gaab, Fürth


P. P.


Ich weis keinen andren Grund der Beschwerung des Prof. Lowitz, um dessenwillen er ungeachtet der so vielfältig wiederholten Einladungen, sich den Versammlungen der Societät der Wissenschaften entzogen hat, anzugeben, als den von ihm geäusserten,

  Man liesse ihm in Ansehung der Differenz mit dem Pr. Hollmann[3] nicht Gerechtigkeit wiederfahren.[4]

Diese Gerechtigkeit bestehet darinnen

  die Gesellschaft soll bezeugen, daß seine Erfahrungen mit dem Heber, ob er in leeren Luftraum fortlaufte? de negativam richtig beweise![5]

Dieß Zeugniß kan er von der Gesellschaft in corpore nicht erhalten, weil Pr. Hollmann, in dessen Classe die Frage eigentlich läufft, anderer Meinung ist, u. behauptet, der Heber liefe doch.[6]

Hingegen haben alle anderen ordentliche Mitglieder, nahmentlich der Pr. Michaelis[7], Mayer, Kastner[8], u. ich Gesner, aus unserer Uberzeugung davor gehalten, ihm seÿ ein solch privat Zeugnis von uns nicht zu versagen.

Beÿgelegter Papir-Bogen beweiset

[Bl. 15v]
dieses Sonnenklar.[9] Die Abrede war, wie hier am Ende gemeldet wird,

  der Pr. Lowitz möchte die Versuche etwas umständlicher beschreiben, u. so denn eine Unterschrift vorstehenden Inhalts von uns gewärtigen.

Auf diese Beschreibung hat man nun seit d. 24. Nov. 1758 gewartet. u. wartet noch darauf, u. wird sie, wenn sie noch kommen solte unterschreiben.

So viel ich sehe, verlanget Lowitz, sein Anverwandter Mayer[10] soll den Aufsatz machen. Ich sehe weder die Ursache ein warum es Lowitz nicht selbst thun will, noch warum Mayer eine Bemühung von einer Stunde, die ihm ein College, Anverwandter und Gevatter[11] zumuthet, nicht übernehmen will. Doch ist dünkt mich der erstere weniger zu entschuldigen, weil es niemand leichter seÿn kan, u. von niemand mit mehreren Rechte verlanget werden kan, ein Factum aufzusetzten, das er selbst veranstaltet, u. worüber er ein Zeugnis verlanget.

Weil ich nun in dem angegebenen Grunde nicht klar sehe, u. mir unmöglich vorstellen kan, daß ein sonst vernünftiger Mann darauf bestehen könne: so bin ich seit einiger Zeit auf die Gedanken gekommen, der Pr. Lowitz wünsche aus andern Ursachen von den Arbeiten der Societät

[Bl. 16r]
freÿ zu seÿn. Der unglückliche Streit mit Lowitz ist die eigentliche u. einige Ursache dessen, was Lowitz einen Verfall der Societät nennet, oder was man wenigstens so nennen kan. Ein Gelehrter siehet auf Belohnungen seiner Arbeiten, Ehr und Geld. Beÿ so genannten neuen Wahrheiten, welche in den Statuten von unsren Aufarbeitungen erfordert werden, ist die gröste u. höchstansehnlichste Belohnung die Ehre der Erfindung, u. die so genannte Gratia novitatis[12]: um diese bringet uns der verdrüßliche Proces seit 3 Jahren, u. wird uns länger darum bringen, nisi Deus ex machina.[13]

Mit dem Honorarii der Praelectiones[14], welches die Societät giebt, hat es auch eine zeither gestocket wegen der unrichtig einlaufenden Gelder vor die Anzeigen[15].

Um dieser beiden Ursachen willen haben die Extraordinarii bisher, ausgenommen der Pr. Hamberger[16], keine Nachsuchungen gehalten.

Beÿ Pr. Lowitz kommt vielleicht noch dieses hinzu, daß er der Lateinischen Sprache nicht mächtig genug, u. nach dem der Hl. von Justi[17] nicht mehr hier ist, er vermuthlich der einige seÿn würde, der Teutsch vorläse, welches er sich vielleicht vor kleinerlich hält.

Unter diesen Umständen wäre, meinem wenigen Bedünken nach der Lezeste Weg

[Bl. 16v]
die Sache wenigstens auf eine zeitlang zu heben, wenn Ihro Excell. ihn bedeuten u. auch an die Societät melden ließe,
wegen seiner vielfachen Arbeiten an den Globis würde er indessen bis welche fertig von den Pflichten der Societät entbunden, es stünde aber bey ihm, so oft er wolte derselben Versammlung um die andren zu höhren beÿzuwohnen.

Interim aliquid fiet, fiat![18]

Salvis melioribus von Gesner
den 9 Jun. 60



Fußnoten

  1. Johann Matthias Gesner (1691-1761) war 1734 als Professor für Poesie und Beredsamkeit nach Göttingen berufen worden, gleichzeitig leitete er die Bibliothek.
  2. Gerlach Adolph von Münchhausen (1688-1770) war Minister des Kurfürstentums Hannover. 1734 war er einer der Begründer der Georg-August-Universität in Göttingen. Ab 1753 war er als Kammerpräsident für das Ressort Finanzen zuständig.
  3. Samuel Christian Hollmann (1696-1787) war ordentlicher Professor für Philosophie in Göttingen. Von 1753-1761 war er hier alternierender Direktor der Gesellschaft der Wissenschaften. Vom 04.07.1757-03.07.1758 war er Prorektor der Universität.
  4. Siehe zu dieser Angelegenheit den Brief von Michaelis vom 29. Mai 1760.
  5. Verbindet man zwei nebeneinander stehende, mit unterschiedlich hohen Wassersäen gefüllte Gläser durch einen völlig mit Wasser gefüllten Schlauch, der als Hebe bezeichnet wird, so gleichen sich die Wasserhöhen in den beiden Gläsern aus - der Heber fließt. Ursache dafür ist der Luftdruck, in einem vollständigen Vakuum funktioniert der Ausgleich nicht.
  6. In der Hierarchie der Gesellschaft stand Hollmann deutlich über Lowitz: Als ordentliches Mitglied leitet Hollmann die physikalische bzw. physische Klasse der Gesellschaft, Lowitz war dagegen nur außerordentliches Mitglied. Zudem wechselten sich Hollmann und Gesner halbjährlich als Direktoren ab.
  7. Johann David Michaelis (1717-1791) war Theologe und Orientalist an der Universität Göttingen. U.a. er entwarf für die dortige Akademie der Wissenschaften die Satzung und war einige Zeit Sekretär, dann Direktor dieser Einrichtung.
  8. Abraham Gotthelf Kästner (17189-1800) war seit 1756 Professor für Naturlehre und Geometrie an der Universtität Göttingen.
  9. Dieser Papierbogen ist nicht überliefert.
  10. Über ihre Ehen waren Mayer und Lowitz entfernt miteinander verwandt.
  11. Taufpate von Tobias Lowitz (1757-1804), dem 1. Sohn aus der zweiten Ehe von Lowitz, war Tobias Mayer.
  12. Gratia novitatis: Reiz der Neuheit.
  13. nisi Deus ex Machina. Hier: außer es tritt etwas völlig Unerwartetes ein.
  14. Honorarii Praelectiones: Für die vor der Sozietät gehaltenen Vortrage gab es ein geringes Entgelt.
  15. Gemeint sind die Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen.
  16. Georg Christoph Hamberger (1726-1773) war seit 1755 außerordentlicher Professor der Philosophie, ab 1663 ordentlicher Professor in Göttingen.
  17. Johann Heinrich Gottlob von Justi (1720-1771) war 1755 Bergrat und Polizeidirektor in Göttingen geworden und hielt an der Universität Vorlesungen zur Staatsökonomie und Naturgeschichte. 1757 wechselte er aber nach Kopenhagen. Von 1755 bis 1757 war er außerordentliches Mitglied der physischen Klasse der Göttinger Sozietät.
  18. Gemeint ist: Kommt Zeit, kommt Rat.


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