Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 17. Oktober 1720
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 66r-67v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter
  Hochgeehrtester Herr
   und Hochgeschätzter Gönner.

Daß Ew. HochEdl. mich de dato 9 hujus, mit einigen Zeilen beehren, und dadurch Dero beständigen Wolgewogenheit versichern wollen: solches erkenne ich mit schuldiger Danckbarkeit, und wünsche nichts begieriger, als derselben noch ferner unverändert theilhafftig zu bleiben, und mich fein oft an Dero höchst angenehmen Correspondenz zu ergötzen. Anlangend die Materie von den Satellitibus Jovis,[1] welche Ew. HochEdl. zu approbiren, sich gütigst gefallen laßen: so erweckte mir dasjenige ein sonderbahres Vergnügen, was Sie mir von dem propo des Mso. de l'Isle[2] zu verstehen gegeben, gestalten ich hieraus schließe, daß die Excolirung der Astronomie, hiedurch wieder eine neue Stütze, zumahl in Teutschland, überkommen soll. Diejenigen so die Sache nicht verstehen, dürften freylich über meine Meinung lachen: allein Ew. HochEdl und andre, welche Liebhaber der Wercke Gottes und der Warheit seyn, werden schon ein billichers Urtheil fällen, weil es ja klar am Tage liegt, was dergleichen Beschäftigungen, vor Nutzen nach sich ziehen. Ich weis zwar eigentlich nicht, was Ms. de l'Isle, mit diesen Observationibus intendiret: jedoch weil sie niemalen vergeblich können angestellet werden: so erfordert es billich die Schuldigkeit aller Astronomorum und Astrophilorum, daß sie das ihrige dazu beytragen. Ich würde mir in Warheit ein ungemeines Vergnügen daraus machen, wenn ich mich in dem Stande befände, Ew. HochEdl. Erinnerung und Aufmunterung, ein hinlängliches Genügen zu leisten: denn ich kan Sie aufrichtig versichern, daß keine Ergötzlichkeit in der Welt ist, die ich dem Umgang mit dem Himmel vorziehe; allein da ich dem unglücklichen Verhängnis unterworfen, daß ich an einem Orte lebe, wo die Astronomie, völlig auf die Neige zu gehen scheinet, und wo man diejenigen so sich die Köpfe damit zerbrechen wollen, fast vor ein inutile terrae pondus[3] hält: so müßen Sie den guten Willen vor die That annehmen, und sich künftig mit demjenigen contentiren, was die Zeit, die Gelegenheit und die Requisita verstatten. Ew. HochEdl. ist etwan unser hiesiges Observatorium noch bekand,[4] und hat mir der Hl von Wurzelbau schon etliche male erzehlet, daß Sie bey Dero Anwesenheit allhier, sich verwundert, warum es über und über mit Gras bewachsen wäre.[5] Ob Sie nun schon das gröste Recht von der Welt hierzu gehabt, so gienge doch dieses noch gar wohl hin, weil man das Gras bald hinweg schaffen, oder gar wie sonsten, deßen starcken Wachsthum verhindern könte. Bey Ew. HochEdl. Gegenwart, war doch noch res integra[6] vorhanden: aber nun heißt es gar jam seges est ubi Troja fuit.[7] Ich will sprechen: das Observatorium ist nicht nur dick mit Gras und Gestrunste bewachsen, daß man im Sommer kaum durchgehen kan: sondern man sieht gar Geißböcke, Lämmer, Hüner und Pfauen darauf weiden, die man ordentlich hineinführet, und Leuten den Schlüßel darzu vertrauet, die mehr auf die Behauptung der Reputation dießes loci publici, als auf deßen Verachtung bedacht seyn solten. Die Instrumenta, welche in einem unvollkommenen Sextanten, in einem unrichtigen Quadranten, in einem unbrauchbaren Trienten, in einem Ubelbeschaffenen Instrumento Azimuthali und in einer falschen Sonnen Uhr bestehen, dienen eben so viel als das fünfte Rad am Wagen, und getraue ich mir den qua-

[Bl. 66v]
dranten, welchen ich noch vor das beste Instrument halte kaum zu den Altitudinibus pro correctione temporis zu gebrauchen, weil er fast unmöglich in plano horzontali zu erhalten ist. Tubi von 5. 11. u: 16 Schuhen sind nebst einer perpendicul Uhr, die dem Hl Prof. Doppelmayr zuständig, wohl vorhanden, aber keine taugliche Machine, daß man sie darauf legen u: regieren kan. Was noch mehr, die basis omnium observationum, linea scilicet meridana, hat mit den Instrumentis einerley Beschaffenheit. Ich habe sie 2 Jahre hintereinander, mit großen Fleiß u: vieler Beschwerlichkeit in der heftigsten Sonnen Hitze, auf einen darzu bestimmten Marmorstein gezeichnet; da Er aber kaum etliche Wochen gestanden, pflantzte man 18 Canonen auf die Bastion des observatorii, deren Erschütterung des Bodens, bey dem Loßbrennen, alle meine Arbeit, so sauer sie mich ankam, auf einmahl wieder zu Schanden machte, gleich als ob sonst kein Platz um die gesamte Stadt herum zum Canoniren wäre vorhanden gewesen. Ich glaube dieser einige Punct, ist fähig, Ew HochEdl einen Concept zu machen, wieviel eben für die Astronomie achtet, wenn man ohne Noth, sondern nur gleichsam par plaisir, den Tempel der Urania, wo alles still und friedlich zu gehen soll, in eine Batterie verwandelt. Sed haec inter nos et sub rosa.[8] Denn man soll gleichwohl nichts nachtheiliges vom hiesigen observatorio raesoniren, sondern die Welt in der Meinung stehen laßen, als ob alles auf das beste bestellt wäre. Nun urtheilen Ew. HochEdl. wie es mir bey so gestalten Sachen möglich seyn soll, etwas taugliches und nützliches zu observiren.[9] Ich habe mir freylich ex proprio marsupio,[10] eine accurate Perpendicul Uhr, die 9 Tage läuft, und mancherley Tubos zu 1. 2. 4. 6. 7. 12 und 16 Schuen,[11] wie leicht zu erachten nicht ohne Unkosten angeschaffet, bin auch dahin bedacht, mich noch mit einem Quadrantem zu besorgen, in der Absicht, nicht mehr publice, sondern privatim zu observiren: allein dermahlen tauget meine Wohnung nicht darzu, weil ich den prospect nur versus boream und etwas weniges extra meridianum versus ortum habe. Soll ich nun einen besondern Ort dazu mieten, und Geld dafür geben, so würde mich viele auslachen, und es fliegt mir selbiges auch nicht zum fenster herein. Verlangte ich aber a magistratus einen locum publicum, zum beyspiel einen Thurm, davon 365 um hiesige Stadt herum stehen, so würde ich ohne weitläuftiges und submisses suppliciren nicht, seu potius uti ex diversis circumstantiis et causis judicandum est,[12] gar nicht darzu gelangen; oder es wenigstens, wenn ich ja das fiat bekäme, die ertheilte Gnade mit meinem Gelde bezahlen, und alles was ich brauchte, auf meine Unkosten anschaffen müssen. Kurtz hievon zu reden, es heißt bey mir: in magnis, voluisse sat est.[13] Unterdeßen, verspreche doch Ew. HochEdl. wegen der an mich ergangenen Invitation, zu den Observationibus Satellitum Jovis, alles zu thun, was in meinem Vermögen stehet, und meinen bruder, der sich hier auch wieder eingefunden,[14] ebenfalls dazu aufzumuntern. So werde ich auch Hl M. Gauppen,[15] part davon zu geben nicht ermangeln, damit etwan die Hl Frantzosen erfahren, daß in Teutschland auch Leute seyn, die mit dem Himmel umgehen mögen.   Weil Ew. HochEdl. erwehnet, daß man auch hierauf Achtung geben solte, wenn die Satellites vor den Cörper des ♃is treten, welches ich verstehe, wenn sie instar maculae per discum Jovis gehen: so ist die Frage, wie man die Zeit erfähret, oder berechnet, wenn dieses geschiehet, absonderlich bey dem intimo Satellite. In Cassini Tabellen,[16] dergleichen in Wistons praeelectionibus Astronomicis,[17] finde ich nichts davon. Solte die Methode Ew. HochEdl bekandt seyn, so würden Sie mich mit der communication sehr obligiren; wiedrigenfalls könte man sich deßen bey Ms de l'Isle erkundigen. Neulich, habe ich dem 63 und 73 Stück der gelehrten Zeitungen dieses Jahres, pag. 499 u: pag. 581 seq. Herrn Pounds[18] neue und accuratere Tabellen allegirt[19] gefunden, vermöge deren man die Eclipses primi Satellites Jovis, durch die bloße addition ausrechnen kan; wie sie in dem Sixieme (oder wie pag. 581 stehet, in dem Septieme) Extrait du XXX Volume des Memoires Philosophiques de la Societe Royale,[20] enthalten seyn. Aus großer Begierde, solche Tabellen in die Hände zu kriegen, habe ich mich

[Bl. 67r]
sehr bemühet, erwehnten Extrait aufzutreiben: allein weder ein hiesiger Buchhändler, noch sonst jemand, will etwas davon wißen: Dahero ich nach Leipzig, an den Verfaßer der gelehrt. Zeitungen geschrieben,[21] und gebetten, daß er mir nähern Bericht davon erstatten, und wo nicht zu diesen Buche selber, jedoch nur zu einer vidimirten Abschrift,[22] berührter Tabellen behülflich seyn möchte. Gott weis aber, wann ich eine Antwort bekomme, weil diesem ehrlichen Manne die Zeit zum Correspondiren fehlet. Vielleicht haben Ew. HochEdl. in Berlin Gelegenheit eine Kundschaft davon einzuziehen. Wenn es Ihnen gelinget, so bitte mir part davon zu geben; solten aber mir die Tabellen eher zu Handen kommen, so will Ew. HochEdl. ich ohnverzüglich damit aufwarten. Bey Hl Prof. Rasten,[23] könten Ew. HochEdl. etwan auch Nachfrage darum halten. Dieser gute Herr muß mich entweder gar vergeßen, oder einen Widerwillen aus meiner Correspondenz gezogen haben, weil er mir auf mein letztes nicht antwortet. Es solte mir indeßen leid seyn, wenn ich Ihn durch meine aufrichtige Schreib Art beleidiget: gestehe aber gleichwohl, daß ich lieber seinen Haß ertragen will, als daß ich nicht der Warheit gemäß, von Astronomischen Dingen mit ihm reden solte;[24] worinnen Ew. HochEdl. mir schwerlich unrecht geben dürften, da mir sattsam bekand, mit was vor einer Unpartheylichkeit Sie sich die Excolirung dieser edlen Wissenschaft angelegen seyn laßen.

Ich beklage nichts mehrers, als daß es Ihnen hierbey nicht nach Wunsch und Willen gehet, und daß Sie bey der aufrichtigsten und unverdroßenen Abwartung Ihres Beruffes, so viele Wiederwärtigkeiten erdulden müßen. Die Unbillichkeit, so Ihnen occasione des Herrn Wagners und Hl Schützens angetahn worden,[25] tut mir in der Seele wehe, und vermag ich nicht zu begreiffen, warum man das billichste und gerechteste Ansuchen von der Welt, mit einer abschlägigen Antwort abgefertiget. Mich düncket ja, was sonsten möglich gewesen ist, das liese sich noch practiciren: und ist es gewiß vor die Societaet, wenn es ruchbar würde, gar was nachtheiliges, wenn sie alte Leute in ihre dienste nimmt, welche jüngere erst informiren, und ihnen proprie loquendo ihr Brod selber verdienen sollen. Die Rechtfertigung, so man deßwegen gegen Ew. HochEdl. gebraucht, ist in Warheit recht lächerlich. Denn um Gottes Willen, wo dencket man hin, wenn man einer jungen Person, eine alte betagte darum adjungiret, damit wenn die erste stürbe, die andre gleich an der Stelle wäre. Reime dich, oder ich freße dich. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Es ist ja wieder den Lauf der Natur, wenn man praesupponiret, daß alte Leute später als die jungen stürben. Wenn ich an Ew. HochEdl. Stelle wäre, und Hl Schütze begehrte von mir, daß ich ihm erst Lection geben sollte, so ließ ich es hübsch sauber bleiben; entschuldigte mich mit dem Mangel der Zeit oder sonst mit etwas; und wenn ich es ja auf höhern Befehl tuhn müste: so müste er mir es erstlich rechtschaffen bezahlen, und hernach wolte ich meine Information so einrichten, daß ihm die Lust selber darzu vergehen solte. Doch hierinnen begehre Ew. HochEdl. ich nichts einzuwenden. Sie werden am besten wißen was in der Sache zu tuhn ist, und so lang durch die finger sehen, biß es etwan Gott beßer mit Ihnen füget, welches ich von Grunde der Seelen wünsche. Wenn Hl Schütze etlichs mahl blind anläuft, so werden seine Patronen, ihren Irrthum schon erkennen, und hernach, um so viel eher gezwungen seyn zu tuhn, was von Gott und Rechts wegen, billich ist. Herr Prof. Wagner, der mir jüngst aus Hildburghausen geschrieben,[26] hat es Hl Schützen bereits prognosticiret, daß seine Sache schwerlich lang gut tuhn dürfte, und gab er mir es deutich genug zu verstehen, was Ew. HochEdl. vor ein Unrecht erdulten müßen. Was Ihnen wegen der Correspondenz aufgebürdet worden, ist gewißlich auch eine artige curiosite. Wenn, laßen sie doch selbige durch den Hl Directoren selber, oder wie sonst gebräuchlich den Hl Secretarium führen.[27] Ich will nicht hoffen, daß meine Correspondenz auch darunter begriffen seyn soll, denn sonsten würde ich mich ja de jure, mit derselben künftig an den Hl Directorum addressieren müßen welches ich wohl zum Spaß, aber nicht im Ernst tuhn könte, indem mir dieser etwan nicht antworten liese, wie ich mir wünsche. Allein, ich will in meiner Correspondenz fortfahren, wie ich angefan

[Bl. 67v]
gen, und Ew. HochEdl. werden sich gütigst gefallen laßen, ihre Zuschrift gleicher Gestalt zu continuiren, wovon ich die Kosten, von Hertzen gerne tragen will, weil es meine und nicht der Societaet Angelegenheiten betrifft.

Was sonsten Ew. HochEdl. von den Ephemeridibus geschrieben, davon will ich Hl M. Gauppen part geben und hören, weßen er sich darauf erkläret. Wenn sie ihm ja liegen bleiben, so geschiehet dem publico und gemeinen Calender Schmierern, der größe Schaden dadurch, maßen er sich gleich wohl, doch mit einigem profit, zu seinen eigenen Calendern, gebrauchen kan. Wie es aber ein und andren dabey erginge, das ist eine andere Sache. Denn wenn eine Astrophilus keine Ephemerides hat, so ermahnet er mich wie ein Theologus, dem die Bibel zum Aufschlagen fehlet. Es hat einmahl geheißen, als ob die Pariser Societaet, Ephemerides biß auf 1750 herausgeben würde.[28] Wenn nun Ew. HochEdl. wieder an Msr. de l'Isle schreiben, so geruhen Sie sich um die Gewißheit und um deren Preiß zu erkundigen, weil ich mir doch dieselben anzuschaffen trachten mus, wenn nach Verlauff der Manfredischen, keine andre zum Vorschein kommen. Ich weis zwar wohl daß zu Paris Ms. Desplaces auch einige herausgegeben,[29] die auch gut seyn sollen: aber sie gehen nur so weit als des Manfredi seine[30]

Die Methode den ortum und occasum planetarum[31] zu berechnen, habe ich freylich in dem allegirten Auctore ersehen: nur stehe ich in dem Gedancken, daß sie propter latitudinem von der Ascensione recta partium eclipticae differiren müßen,[32] und solcher gestalt auch das daselbst allegirte Exempel mit dem Regulo, nicht Stich halte, ohnerachtet ich eben diese Methode meinem Astronomischen Hand-Buch einverleibet (vid. Probl. 96. pag. 214) confer. Probl. 48. 49. Pag. 110 seqq. Wenn Sie aber ja vor gültig anzunehmen, wie bestimmet man das tempus durationis von der sichtbarkeit eines Planeten. Die Tabellen und den modum sie zu construiren, welche zur Erleichterung des ortus et occasus ☽ sub data latitudine[33] dienen, erwarte ich nach Ew. HochEdl. gütigsten Versprechen, höchst begierig, maßen ich von dieser materie gar zu gern vollständig unterrichtet heißen möchte. Ich diene wieder dargegen, so viel in meinen Kräften stehet, und dürfen Ew. HochEdl. frey befehlen, auf was vor eine Art ich solches bewerckstelligen soll. Wie? wenn ich einen Verleger verschafte, solten Ew. HochEdl. sich nicht einmahl die Mühe geben, eine deutliche und vollständige Anweisung in Lateinischer Sprache aus zu arbeiten, wie die Eclipses Solis et ☽, tam universaliter tam sub quavis latitudine,[34] nach den Tabulis de la Hire[35] zu berechnen seyn. Es hat zwar Wideburg,[36] Beselin[37] und andre bereits Anweisung nach verschiedenen Tabulis darzu gegeben, aber meines Wißens ist nach den Tabulis de la Hire noch keine Anleitung vorhanden, da doch diese der Zeit ohnstreitig die besten, aber in dieser materie, meines bedünkens die aller undeutlichsten, zu mahl was die Eclipses ☉ares anbelanget. Wenn Ew. HochEdl. Dero Meinung mir hierüber zu verstehen geben mögen, so will ich hernach schon weiter mit Ihnen daraus conferiren. Aber wo ist denn die Eclipsis horizontalis d. 4 Augusti herkommen,[38] da man sie doch bey uns vor unsichtbar angegeben. Es erhellet hieraus Ew. HochEdl. unverdroßene Wachsamkeit und großer Fleiß, worauf man doch in Berlin so schlechte Reflexion machet. Wenn gleich diese Eclipsis sichtbar gewesen, hätte man sie hier doch nicht observiren können, weil es nach der Anzeige meines Diari tempestatum, da zumahl allhier geregnet hat. Die anbefohlene Complimenten an Hl von Wurzelbau und Hl Prof. Doppelmaier, will ich noch heute ausrichten, denn eher, habe ich nicht zu ihnen kommen können, seithero ich Dero letztes den 19 hujus empfangen. Ich bitte mir ja nicht übel zu deuten, daß ich in diesem Briefe eine so lange Predigt gehalten, die wieder der Berliner Kyrchen Ordnung läuft. Es ist solches aus aufrichtiger Ergebenheit, gegen Ew. HochEdl. geschehen und weil ich mich darinnen der alten teutschen Redlichkeit bedienet, die nicht jeder, zu mahl ero adversaria anstehen möchte, so werden Sie schon trachten, daß er nicht aus Dero Händen kommet, und weder Ihnen noch mir was nachtheiliges verursachet. Veritas enim odium parit.[39] Der ich mich Übrigens zu Dero schätzbaren Affection auf das kräftigste recommendire, und Zeit Lebens ohne Ausnahme beharre

Ew. HochEdl.

Nürnberg. d. 17 October.
  A.o 1720.

aufrichtig ergebenster und gehorsam=
ster diener.    

Joh. Leonhard Rost.

P.S. Wann etwan Hl Wagner Ew. HochEdl. vor seiner Abreise solte ersuchet haben, in seinem Namen, mir etliche Loht recitable[40] Stahlische Pillen,[41] oder so viel sie derer kriegen können, zu verschaffen: so bitte deßen eingedenck zu seyn; es soll die ausgelegte Bezahlung dafür, danckbarlich und ohnverzögerlich erfolgen.


Fussnoten

  1. Das Thema der Jupitermonde sprach Rost im vorigen Brief vom 17. August an: Zur Bestimmung geographischer Koordinaten hielt er Beobachtungen dieser Monde für besser geeignet als Beobachtungen der Mondfinstenisse.
  2. Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) war ein französischer Astronom und Kartograph, der mit vielen Nürnberger Astronomen in Kontakt stand.
  3. Inutile terrae pondus: Unnütze Last der Erde (d.h. Taugenichts).
  4. Laut NDB hielt sich Kirch 1713/14 in Nürnberg auf. Nach dem Brief von Johann Philipp von Wurzelbau (1651-1725) an Maria Margareta Kirch (1670-1720) vom 10. Juni 1713, hielt sich Christfried Kirch beim Bierbrauer Lorenz Schmidlein auf. Im Dezember 1714 muss er Nürnberg bereits verlassen haben, siehe den Brief von Wurzelbau an ihn vom 21. Dezember 1714.
    1713 war bereits Johann Gabriel Doppelmayr (1677-1750) Sternwartendirektor.
  5. Rost schein hier eine frühere Aussage zu korrigieren: Im Brief vom 23. Dezember 1716 meint er , Kirch hätte das Nürnberger Observatorium zu Zeiten von Müller kennen gelernt, also vor 1710. Kirch scheint sich aber erst 1713/14 in Nürnberg aufgehalten zu haben. Da Müller u.a. von Rost sehr für die Pflege der Sternwarte gelobt wurde, dürfte der Grasbewuchs erst nach seiner Zeit entstanden sein, also unter der Direktion von Doppelmayr.
  6. res integra: Gemeint sind hier brauchbare Geräte.
  7. Schon sind Felder, wo Troja gewesen ist (Ovid: Heroides 1, 53).
  8. Aber dies unter uns und unter der Rose. Gemeint ist: unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit.
  9. Über die Zustände auf dem Observatorium beklagte sich Rost schon in den Briefen vom Dezember 1716 und April 1717 sowie im vorangehenden Brief vom 17. August 1720. Erstmal beschreibt er hier aber im Detail, warum er sich beklagt.
  10. ex proprio marsupio: aus meinem eigenem Geldbeutel.
  11. Seine Sonnenfleckenbeobachtungen (vgl. die Beilagen zum Brief vom April 1717) will Rost mit Teleskopen von 5, 6 und 8 Schuhen Läge durchgeführt haben. Die Längen 5 und 8 tauchen hier nicht auf, oben wird ein auf dem Observatorium vorhandes Teleskop von 5 Schuhen Länge erwähnt, allerdings auch keines von 8. Trotzdem spricht dies dafür, dass Rost seine Sonnenfleckenbeobachtungen mindestens teilweise auf dem Observatorium durchführte.
  12. seu potius uti ex diversis circumstantiis et causis judicandum est: oder eher, wie aus verschiedenen Umständen und Ursachen geschlossen werden kann.
  13. In großen Dingen genügt es auch, sie gewollt zu haben.
  14. 1720 kehrte Johann Carl Rost endgültig aus Reichstadt in Böhmen nach Nürnberg zurück.
  15. Johannes Gaupp (1667-1738) war Pfarrer in Lindau, der aber vor allem als Astronom bekannt wurde. Er war einer der wichtigsten Briefpartner von Rost.
  16. Cassini, Giovanni Domenico (1625-1712): Tabulae Quotidianae Revolutionis Macularum Iovis. Rom: Fabij de Falco 1665
  17. Whiston, William (1667-1752): Praelectiones astronomicae. Cambridge 1707.
  18. James Pound (1669-1724) war ein englischer Geistlicher und Astronom. Seine neuen Tabellen finden sich in den Philosophical Transactions 30 (1717), S. 1021-1034
  19. allegieren: (eine Schriftstelle) anführen.
  20. Bibliotheque angloise: ou histoire litteraire de la Grande Bretagne, Bd. 7 (1720), S. 172f.
    Es handelt sich wirklich um Band 7, nicht wie von Rost angedeutet, um Band 6. Zudem enth&alt dieser Band ebenfalls nur eine kurze Besprechung dieser Tabellen, nicht die Tabellen selbst.
  21. Dieser Verfasser war Johann Gottlieb Kraus, (Krause, 1684-1736).
  22. Eine vidimirter Abschrift ist eine beglaubigte Abschrift.
  23. Georg Heinrich Rast (1595-1726) aus Königsberg war ein deutscher Astronom. Kirch hatte Rost mit Brief vom 26. September 1718 Grüße von ihm ausgerichtet, und angeboten Briefe an ihn weiterzuleiten.
    ADB XXVII, 1888, S. 337f. (Autor: Sigmund Günther);
    Buck, Friedrich Johann: Lebens-Beschreibungen derer verstorbenen Preußischen Mathematiker. Königsberg, Leipzig: Hartung und Zeise, S. 155-158.
  24. Auf Differenzen mit Rast spielt Rost bereits in seinem Brief vom 24. Dezember 1719 an.
  25. Johann Georg Schütz (?-1730) wurde 1720 neben Kirch als Observator der Sozietät angestellt. Kirch sollte ihn einarbeiten. 1725 ging Schütz als Professor für Mathematik nach Frankfurt an der Order.
  26. Wagner war bis 1720 neben Kirch Observator der Sozietät gewesen. 1720 wechselte er als Mathematikprofessor ans Gymnasium in Hildburghausen.
  27. Anscheinend war Kirch verboten worden, Korrespondenz im Namen der Akademie zu führen.
  28. Desplaces, Philippe (1659-1736) brachte Ephemeriden für jeweils zehn Jahre heraus, sein letzter Band reichte bis 1765. Paris: Collombat 1716.
  29. Desplaces, Philippe (1659-1736): Ephemerides des mouvemens celestes pour les annees 1715-1725: pour le meridien de la ville de Paris. Paris: Collombat 1716.
  30. Manfredi, Eustachio (1674-1739): Ephemerides Motuum Coelestium ex Anno 1715-25. Bologna: Pisarii 1715.
  31. ortum und occasum planetarum: den Auf- und Untergang der Planeten.
  32. sie propter latitudinem von der Ascensione recta partium eclipticae differiren müßen: dass sie wegen der Breite von dem tatsächlichen Aufstieg um Teile der Ekliptik differieren müssen.
  33. Auf- und Untergang des Mondes bei einer bestimmten Breite.
  34. Die Sonnen- und Mondfinsternisse, sowohl allgemein als auch unter einer bestimmten Breite.
  35. La Hire, Philippe de: Tabulae astronomicae. Paris. Michallet 1687. Neuauflage Paris: Boudot 1702
  36. Wiedeburg, Johann Bernhard (1687-1766): Institutiones Astronomicae. Braunschweig: Schröder 1718
  37. Beselin, Lucas (ca. 1663-1702): Exercitium astronomico-astrologicum circa magnam solis eclipsin, die 13./23. Septembr. anni praesentis 1699 celebrandam. Halle: Zeitler 1699
  38. Am 4. August 1720 zeigte sich die Sonne in Deutschland bei Sonnenaufgang geringfügig verfinstert, wenige Minuten später war die Finsternis vorüber.
  39. Veritas enim odium parit: Denn die Wahrheit erzeugt Hass.
  40. Das Wort ist nicht lesbar, da der Brief an dieser Stelle am Rand umgeschlagen ist.
  41. Georg Ernst Stahl (1659-1734) war Mediziner an der Universität in Halle. 1715 wechselte er nach Berlin.