Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 26. April 1721
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 71r-72v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter
   Hochgeehrtester Herr
     und Hochgeschätzter Gönner.

Das sonderbahre Vergnügen, so ich mir daraus mache, mit Ew. HochEdl. mich schriftlich zu unterreden, reithet mich dahin, daß Denenselbigen mit einigen Zeilen beschwerlich zu fallen, mir die Freyheit nehme: und zugleich mit einem Exemplar von meiner Observation des neulichen Nordscheines, aufwarte.[1] Ich hätte zwar allerdings eher damit erscheinen sollen, allein ich vermochte aller meiner gehaltenen Nachfrage ohnerachtet, keine Gelegenheit zu erlangen, um selbiges franco zu übersenden: und vermeinte unbillich zu handeln, wenn Ihnen auf der Post, Unkosten dadurch verursachte, gestalten ich es nicht weiter als Leipzig oder Halle, frey hätte bringen können. Ich bitte dannenhero solche Verzögerung, keiner Hinläßigkeit bey zu meßen, und mein schlechtes Scriptum, einer geneigten Durchlesung zu würdigen: auch mir frey zu melden, worauf ich in einem und dem andern Stücke, beßer Achtung geben sollen, damit ich mich ein andermal darnach richten kan. Es ist dieses der erste Nordschein, den ich vollständig betrachtet, und dahero kein Wunder, wenn ich nicht alle Umstände gebührend angemercket, weil sie mir noch meist unbekand gewesen

[Bl. 71v]
und ich nicht vermeinet, daß dergleichen Phaenomena, so viele bewundernswürdige Eigenschaften, bey sich führen. Herr Prof. Wagner, hat mir einen Extract seiner observation bereits communiciret,[2] die mit der meinigen ziemlich correspondiret; dabey er gemeldet, wie es in Berlin damal meist wolckigt gewesen. Ich habe dieses sehr ungerne gehöret, und wolte was darum schuldig seyn, wenn Ew. HochEdl. so heitern Himmel, wie wir allhier und anderwärts gehabt, so hätte man gewiß eine vollkommene Observation erlanget. Man mus es aber nehmen, wie es sichs tuhn läst. Indeßen gereichet es mir zu sonderbahren Vergnügen, daß hiesiges Ortes, niemand als mein Bruder und ich, dieses Phaenomenon, vom Anfang biß zum Ende, zu betrachten das Glück gehabt; da sogar der Hl Prof. Doppelmaier und andre Gelehrte, auch der Hl. Prof. Müller in Altdorf nicht das allergeringste davon gesehen, sondern die apparition erst den andren Tag erfahren haben; welches bey dem ersten (inter nos tamen sit dictum)[3] eine merckliche jalousie gegen mich verursachet; daß ich auch, um seinen unbillichen Verdruß etwas zu vertilgen, den ersten bogen umdrucken laßen, weil ich hinein gesetzet, daß ich mich auf hiesiges observatorium verfüget; allwo ich ohnerachtet einer so eclatanten Himmels Erscheinung, keinen Menschen angetroffen.[4] Es ist doch meiner Meinung nach gar was unbilliches, wenn man in Mathematischen Verrichtungen, neidisch ist, da uns ja Gott alles umsonst giebt: und ich kan ja nichts dafür, daß Er nichts davon gewußt, weil es mir und meinem Bruder, die wir doch nicht beysammen gewesen, auch kein Mensch gezeiget. Leute die mit dem Himmel umgehen wollen und sollen, müßen sich das Vigilate et aperite oculos,[5] stets im Sinne liegen laßen. Das haben Ew. HochEdl. vor einigen Jahren erfahren, bey dem Cometen in Ursa minori detecto wol erfahren,[6] u: dürfte er wol incognito vorbey gereiset seyn, wenn Sie die Augen nicht aus Achtsamkeit dahin gewendet. Ich mag aber hievon weiter nichts sagen, sondern will dafür gedencken, daß vor 14 Tagen, als ich eben bey dem Hl von Wurzelbau gewesen, ein Schreiben von Mhs. de l'Isle bey ihm eingelauffen; darinnen er nicht nur deßen Bekandschaft suchet, sondern auch um die Genehmhaltung Ansuchung getahn, ob er nicht, wie ehemals Hallejus bey dem Hevelio getahn, mit seinem mehr als 3½ schuhigen Tele-

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scopischen Quadranten, zu ihm herausreißen, und allhier observationes damit halten dürfte? Der Hl von Wurzelbau hat hierauf bereits geantwortet;[7] wie Ihm seine Gegenwart höchst angenehm seyn sollte; er gabe ihm aber zugleich zu verstehen, wie er keinen solchen apparatum und Magnificenz von Instrumentis, bey ihm antreffen würde. Secundo, möchte er sich bey den itzigen contagiösen Zeiten, wol vorsehen, damit er nicht unterwegen zu lange liegend bleiben, oder gar zurücke kehren müste, weil auf Kaiserl. Befehl, man itzt weder Wahren noch Personen, so leicht und ohne langwierige Quarantaine, aus Franckreich passieren liese; trüge Er indeßen aber ja Verlangen, die Instrumenta mit einander zu conferiren: so möchte er unterdeßen, nur fleißig altitudines Solis meridianas meßen; da man dann, wenn man sie einander communicirte, eben so viel darauf schließen könte, als wenn er hier in Person zu gegen wäre. Was nun vor eine Erklärung hierauf folget, oder ob Mhs. de l'Isle selber kommet, das will ich in Zukunft berichten. Geschiehet das letztere, so will ich im Voraus prophezeyen, daß er als dann auch eine Reise nach Berlin tuht. Denn ich mercke immer großen Astronomischen Eyffer an ihm, der ihm nicht erlauben dürfte, einen so berühmten Ort unbesuchet zu laßen. Daß übrigens mein letztes Scheiben vom 8 Febr. bey Ew. HochEdl. richtig eingelauffen, trage gantz keinen Zweifel: und dürfen Sie sich gantz nicht entschuldigen, daß Sie mir noch keinen Bericht davon ertheilet; maßen ich leicht erachten kan, daß wegen Absterbens der Seel. Frau Mutter,[8] und andrer Umstände wegen, Ihnen wenig Zeit zum Correspondiren übrig seyn dürfte; zumal da vielleicht auch itzt die Calender Arbeit unter der Hand, die wie ich wol weis, mehr Zeit erfordert, als sich mancher einbildet. Gott gebe Ew. HochEdl. nur gute beständige Gesundheit, so wird sich das übrige nach und nach, auch schon schicken. Vielleicht erinnern sich Ew. HochEdl. bald der Worte: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey: und da wünsche ich denn im Voraus, daß es Ihnen allerdings gut seyn, und Sie der Höchste mit einer solchen Gehülfin beglücken wolle; die wie Ihre Seel. Frau Mutter, mit so viel Verstand und Tugenden begabet ist, als man an diesem Ehren=Weibe, lange nach Ihrem Tod noch rühmen wird. Mögen end-

[Bl. 72v]
lich Ew. HochEdl. meiner letzten Bitte, bey gelegener Zeit, eingedenck verbleiben: so werden Sie mich über die maßem obligiren, und mich um so viel nachdrücklicher dahin verpflichten, daß ich Lebens lang in unverfälschter Aufrichtigkeit beharre

Ew. HochEdl.

  Nürnberg.
d 26 April A. 1721.

gehorsamster und gantz
ergebenster diener  

Joh. Leonhard Rost.


Fußnoten

  1. Warhafte / ausführliche und vollständige Beschreibung / desjenigen merckwürdigen so genandten Nord-Scheines. Nürnberg: Selbstverlag 1721 [HAB Wolfenbüttel]. Der Nordschein war am 1. März 1721 zu sehen.
  2. Wagners Beobachtungen aus Hildburghausen schickte Rost an die Breslauischen Sammlungen, siehe den Versuch 15, erschienen 1722, S. 299-301.
  3. inter nos tamen sit dictum: doch dies unter uns gesagt.
  4. Von Rosts Schrift zum Nordschein (siehe Fußnote 1) gab es zwei Auflagen, wobei es die erste Auflage in zwei Varianten gibt. In beiden Varianten begibt sich Rost aufs Observatorium, um die Erscheinung besser sehen zu können. Im Exemplar der BSB München folgt auf Bl. A3r die Aussage: "Ich vermuthete daß ich daselbst viele Leute antreffen würde / die mit mir einerley Curiosite hegeten / oder doch begierig seyn möchten zu erfahren / wovon das überaus helle / weis-gelblichte Licht / an dem nördlichen Himmel herrührete. Ich fand aber keinen Menschen um und neben mir / sondern hörete nur einige Personen / aus denen nahe stehenden Fenstern der Kaiserlichen Burg / starck von diesem ungewöhnlichen Phaenomeno reden." Im Exemplar der ZB Zürich (S. 5) ist nicht mehr die Rede davon, dass er auf dem Observatorium niemanden angetrofffen hat, hier werden nur noch die Personen erwähnt, die in den nahestehenden Fenstern zu bemerken waren. Die zweite Auflage folgt vom Text her an dieser Stelle dem Züricher Exemplar.
  5. Vigilate et aperite oculos: Seid wachsam und haltet die Augen offen.
  6. Christfried Kirch entdeckte diesen Kometen Mitte Januar 1718 in der Nähe des Kleinen Bären. Vgl. Kronk, Gary W.: Cometography. A Catalog of Cometes. Volume 1: Ancient-1799. Cambridge: University Press 1999, S. 391f.
  7. Vgl. Wurzelbaus Brief von Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) vom 11. April 1721.
  8. Maria Margaretha Kirch, geborene Winckelmann (1670-1720) starb am 29. Dezember 1720 in Berlin. Vgl. dazu den letzten Brief von Rost an Kirch vom 8. Februar 1721, in dem Rost seine Kondolenz abstattet.