Briefwechsel Johann Leonhard Rost


Kurzinformation zum Brief
Autor Rost, Johann Leonhard (1688-1727)
Empfänger Kirch, Christfried (1694-1740)
Ort Nürnberg
Datum 23. Dezember 1726
Signatur UB Basel: L Ia 720, Bl. 141r-142v
Transkription Hans Gaab, Fürth

HochEdler und Hochgelahrter,
  Hochgeehrtester Herr,
   Hochgeschätzter Gönner.

Ew. HochEdl. wehrteste Zuschrift vom 15ten Oct. habe den 29 ejusd. wie wol unversiegelt, nebst den 3 Loht Pillen,[1] richtig empfangen, auch vor die letzten die Bezahlung an die Hhl. Endters[2] gleich geleistet. Ew. HochEdl. dancke ich nicht nur vor die Pillen, sondern auch vor die beygelegten observationes, bitte aber mir künftig die corrigirten momenta der Eclipsis ☽ mitzutheilen. Ich weis mich warhaftig nicht zu entsinnen, ob Ihnen ich die hiesige observation der ☽Finsterniß von mir und meinem Bruder schon überschicket habe.[3] Ist es noch nicht geschehen, so will ich auf erhaltenen Bericht sogleich damit aufwarten, und auch den jüngsten Transitum ☽ a ♃ beyfügen.[4] Von Hl. de l'Isle habe ich noch keine Nachricht.[5] Ich erwarte von Hl. Leutmann[6] Antwort aus Petersburg, u: will hören

[Bl. 141v]
ob dieser nichts von ihm meldet, weil ich ihm durch selbigen habe ein Compliment machen laßen. Meinen aufrichtigen Astronomum, Schüblers Gnomonic[7] u: Grammatici Dissert. de cometa,[8] werden Ew. HochEdl. in voriger Meße onfehlbar empfangen haben. Ich will hören, was Sie zu diesen 3 Scriptis sagen. Mein Astronomus hat mir hier schon Verdruß gemacht. Der neidische u: mißgünstige Prof. Doppelmayer, der mir bißhero meines Eiffers halber, schon allerley tort getahn, erreckte über die Worte pag. 289. § 1 lin. 1 biß 8 und pag. 300 § 6 lin. 1 biß 8, einen großern Lermen,[9] und war so unvernüftig und unbesonnen, daß er mich gar deßwegen in einem Memorial bey hiesigem Magistrat verklagte. Er beschuldigte mich als ob ich ihn durch solche Worte verächtlich zu machen und bey der gelehrten Welt in Misrecht zu setzen, mich aber in Ansehen zu bringen, und bey selbiger zu zeigen begehrte; deßwegen er verlangte, man solte mir anbefehlen, die Blätter worauf gedachte Passagen stehen, umdrucken zu laßen. Man lachte bey Rath über diese Klage und deren angehängtes Begehren, communicirte mir seine Schrift, und verlangte meine Rechtfertigung. Ich schrieb gleich einen sehr höflichen Brief an den Hl. Professor und suchte ihn auf gescheite

[Bl. 142r]
Gedancken zu bringen, versprach auch die mir zugefügte Beleidigung zu vergessen, und warnte ihn, er möchte sich hüten, daß sein feindseeliges Bezeugen, das doch gar keinen Grund hätte, nicht zu seinem Nachtheil ausschlüge, weil ich seine Reputation lieber erhalten als unterdrücken wollte. Hierauf gab er mir nicht die geringste Antwort: drum sahe ich mich genöthiget meine Rechtfertigung bey Rath schriftlich mit der vollkommensten Bescheidenheit vorzulegen u: erweise mit seinen eigenen Worten aus dem dritten Theil von Bions Werckschule pag. 175, daß er selber die Machinam Hevelii u: Hoffmanni,[10] vor allen andern, folglich auch vor der seinigen recommendiret, und doch hat er in dem Exemplar des Astronomi welches ihm der Verleger geschickt, die Hevelische und Hoffmannische Maschine, völlig ausgestrichen. Was der Rath vor ein decisum von diesem de lana Caprina[11] eregten Streit publiciren wird, weis ich dermals noch nicht, nur so viel habe gehöret, daß das Umdrücken unterbleiben werde, und hat man mir zugleich angerathen, ich solte von erfahrnen Mathematicis u: Astronomis ein Bedencken über diese vermeinte Beleidigung einholen, welches mir zur besten Rechtfertigung dienen könte. Solchem nach will auch Ew. HochEdl. darum ersuchen, und zwar um so viel mehr, weil Sie am allerbesten von dergleichen Materien urtheilen können, ich aber nichts anders verlange als

[Bl. 142v]
was der Warheit und dem Christenthum gemäß ist. Hl. Schübler hat in Erfahrung gebracht, daß der Hl. Prof. ihn zu Berlin übel zu recommendiren getrachtet,[12] weil er ihm seines fleißes halber, ebenso gehässig als mir ist, und den Verlag seiner Gnomonic hier durch Verleumdung hat hintertreiben wollen. Ich glaube aber, die HochLöbl. Societaet, werde die Geister schon zu prüffen wißen. Sie hat sich durch Hl. Hofrath Jablonsky[13] vor die Dedication, in sehr höflichen Terminis bedancken lassen. Ew. HochEdl. seyen so gütig, und melden Hl. Jablonsky, daß sein Brief bey Hl. Schüblern richtig angelanget ist, und daß er wegen der dabey gehabten Mühe, demselbigen höchstens verbunden bleibet. Hl. Schübler wünschte sich Gelegenheit zu haben, vor die HochLöbl. Societaet etwas von seiner Handzeichnung zu machen, so würde sie befinden, daß er um so viel weniger einer Verleumdung würdig sey. Beykommendes belieben Sie Hl. Jablonsky zu zustellen; es ist ein Exemplar meines Astronomis vor die Bibliotec der Societaet. Ich habe auch Hl. Jablonsky von der Doppelmayerischen Conduit part gegeben, damit wenn er allenfalls auch mich in Berlin anzuschwärtzen gedächte, man im voraus weis, wes Geistes Kindes er sey. Übrigens wünsche Ew. HochEdl. zum herannahenden neuen Jahr alle beständige Leibes u: Seelen Zufriedenheit u: gute Gesundheit biß auf späte Zeiten: doch vergeßen sie dabey nicht mir allezeit gewogen zu bleiben, und erlauben, daß auch ich Lebenslang beharre

Ew. HochEdl.

Nürnberg.
den 23 dec. 1726.

aufrichtig getreuer u:
ergebenster diener.

Joh. Leonh. Rost.


P.S. wenn Ew. HochEdl. mir bey ereignender Gelegenheit einen Berlinischen Adresse Calender u. ein Pfund gute Krebs Augen[14] überschicken möchten, würde ich nicht nur gerne die Bezahlung dafür leisten, sondern auch sonsten in andern fällen mit danck dargegen dienen.


Fußnoten

  1. Schon im Brief vom 17. Oktober 1720 bat Rost Kirch um Zusendung Stahlischer Pillen. Das Thema taucht seitdem wiederholt in den Briefen auf.
  2. Die Endter waren eine bekannte Nürnberger Buchhändlerfamilie.
  3. Zu den Beobachtungen der Brüder Rost der Mondfinsternis vom 11. Oktober 1726 vgl. die Sammlung von Natur- und Medicin- wie auch hierzu gehörigen Kunst- und Literatur-Geschichten, 38. Versuch, Herbst-Quartal 1726, erschienen 1730, S. 428-436
  4. Am 28. November 1726 stand der Mond nahe bei Saturn.
  5. Joseph-Nicolas Delisle (1688-1768) war 1725 von Paris nach St. Petersburg aufgebrochen, wobei er Ende 1725 nach Nürnberg kam. Offensichtlich hat Rost seit dessen Eintreffen in St. Petersburg nichts mehr von ihm gehört.
  6. Johann Georg Leutmann (1667-1736) hatte sich einen Namen als Mechaniker und Optiker gemacht und war deshalb nach Petersburg berufen worden.
  7. Schübler, Johann Jacob: Anleitung zur praktischen Sonnenuhrkunst. Nürnberg: Johann Christoph Weigel 1726.
  8. Grammatici, Nicasius (Präses); Schreier, Josef (Respondent): Exercitatio De Cometa Anni 1723. Ingolstadt: Grass 1724. Vgl. den Brief von Rost an Kirch vom 21. Dezember 1724.
    Josef Schreier (1681-1754) wurde 1726 Nachfolger von Grammatici auf dessen Lehrstuhl in Ingolstadt.
  9. Zu Doppelmayrs Meinung vgl. dessen Briefe an Kirch vom 18. April und 20. Dezember 1727, UB Basel: L Ia 688, Bl. 94,1r-2v; Bl. 95,1r-2r.
  10. Johann Heinrich Hoffmann (1669-1716) war Nachfolger von Gottfried Kirch als Direktor der Berliner Sternwarte gewesen.
  11. de lana Caprina: wörtlich: Um Ziegenwolle, d.h. um nichts.
  12. Das ist korrekt, vgl. Doppelmayrs Brief an Christfried Kirch vom 27. Juli 1726, UB Basel: L Ia 688, Bl. 89, 2r-v.
  13. Johann Theodor Jablonski (1654-1731) war von 1700 bis zu seinem Tod beständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaften.
  14. Die sog. Krebsaugen bilden sich im Magen von Krebsen und werden bei der Häutung ausgeworfen. Sie bestehen hauptsächlich aus saurem Kalk und wurden gegen Sodbrennen eingesetzt.